Angst vor der Stille

Alexander Dorfner kämpft. Für seine Frau. Seit vier Jahren leidet sie unter schweren Depressionen. Morgens fährt der dreifache Vater in die Arbeit. Mittags besucht er seine Frau. Abends kümmert er sich um seine Kinder. Tag für Tag. Den Wunsch, dass seine Frau gesund wird, hat er nie aufgegeben.

VON NADINE CIBU

Frau: „Ich habe Scheiße gebaut.“

Mann: „Wie? Was hast du gemacht?“

Frau: „Hm.“

Mann: „Was hast du gemacht? Sag, was hast du gemacht?“

Frau: „Ich habe Scheiße gebaut.“

Mann: „Was genau? Erzähl doch bitte! Hattest du wieder die bösen Gedanken?“

Frau: „Ja.“

Mann: „Hast du versucht, dich selbst zu verletzten? Hast du es diesmal wirklich versucht?“

Frau: „Ja.“

 

Alexander Dorfner* wird diesen Telefonanruf nie vergessen. Wie an jedem Abend meldete er sich bei seiner Frau um halb neun auf der psychiatrischen Station. Seit drei Wochen lag sie bereits im Krankenhaus. Sabrina Dorfner* ist krank. Die Diagnose: schwere Depression.

Alexander Dorfners Augen weiten sich, wenn er an diesen Abend zurückdenkt. Der stämmige Mann streift mit seiner rechten Hand durch das dunkelbraune kurze Haar. Er atmet tief aus. „Das war mit Abstand der schlimmste Abend meines Lebens“, erzählt er. „Ich wusste nicht, ob ich sie morgen wiedersehe.“

Seine Tränen kann er nicht mehr zurückhalten. Auf der anderen Leitung schnappt seine Frau nach Luft. „Wir reden morgen wieder. Pass’ jetzt auf dich auf.“ Er legt auf, sackt auf den Boden. Zusammengekauert sitzt er dort. Die ganze Nacht. Seine kräftigen Arme umschlingen beide Knie. Stundenlang weint er, so lange, bis keine Tränen mehr kommen.

„Meine Frau hat ein Problem. Vielleicht wegen der Fehlgeburten“

 

Vor vier Jahren fing alles an. Das weiß Alexander Dorfner erst heute. Im Abstand von vier Monaten hatte seine Frau zwei Fehlgeburten erlitten. Die Frühchen starben in der sechsten und neunten Woche. „Meine Frau war sehr traurig. Ich habe sie nicht ernst genommen“, sagt Dorfner.

Damals konnte er ihre Trauer nicht verstehen. Sein Leben ging normal weiter. „Es lief doch alles super. Wir hatten ein tolles Haus, beide einen Job, der uns Freude macht. Wir hatten schon zwei wundervolle Kinder“, sagt Dorfner.

Ein Jahr später, endlich: Alexander und Sabrina Dorfner bekamen ihre drittes Kind. Ein kerngesunder Junge.

Doch glücklich war Alexander Dorfners Frau nicht. Oft nahm ihr Mann sie in den Arm. „Wie kann ich dir helfen?“, fragte er immer wieder. Er wusste nicht, warum sie so traurig war. Trotz ihres kleinen Babys.

Nach und nach brach der Alltag zusammen. Morgens ging Alexander Dorfner zur Arbeit, seine Frau blieb im Bett. Wenn er abends zurückkam, war der Haushalt nicht erledigt. Sabrina Dorfner weinte ständig. Sie arbeitete nur noch acht Stunden pro Woche. Ihren Mann konnte sie nicht mehr unterstützen. Alexander Dorfner wandte sich in seiner Verzweiflung an einen Kollegen: „Meine Frau hat ein Problem. Vielleicht wegen der Fehlgeburten. Kannst du uns helfen?“

Psychiatrische Behandlung und leichte Antidepressiva waren der nächste Schritt. „Sie fühlte sich besser. Wir lachten sogar manchmal“, erinnert er sich. „Und einfach so wurde es schlagartig wieder schlimmer.“

Drei Tage Stille

 

Vier Monate später.

Frau: „Wir müssen reden. Ich habe hier etwas unterschrieben.“

Mann: „Was hast du denn jetzt unterschrieben?“

Frau: „Hier.“

Mann: „Du hast einen Anti-Suizid-Vertrag unterschrieben?“

 

Ein Vertrag, bei dem sich der Patient verpflichtet, keinen Suizidversuch bis zum nächsten Termin mit dem behandelnden Arzt zu unternehmen. Oder sich im schlimmsten Fall sofort an jemanden zu wenden.

In diesem Moment wird Alexander Dorfner alles klar. Deswegen hatte die Ärztin seit Wochen darauf gedrängt, seine Frau in stationäre Behandlung zu geben. Deswegen sprach seine Frau immer wieder von Leere. Von einer Leere, mit der Alexander Dorfner nichts anzufangen wusste – bis jetzt. „Meine Frau sagte mir nicht, dass sie Suizidgedanken hat. Sie wollte mich nicht verletzen“, sagt er und schaut auf den Boden. Für ihn war es ein harter Schlag: Meine Frau will nicht mehr leben.

Statt ihr zu helfen, distanzierte sich Alexander Dorfner von seiner Frau. Er konnte sie nicht mehr in den Arm nehmen. Er schwieg, wollte nichts Falsches sagen. Nichts, was es noch schlimmer machte.

In seinem Kopf explodierten die Gedanken: „Morgen Früh findest du sie irgendwo, die Pulsadern aufgeschnitten.“ Manchmal plante er ihre Beerdigung. Drei Tage Schweigen, dann wandte sich seine Frau an ihn. „Das Einzige, das du falsch machen kannst, ist, nicht mehr mit mir zu reden.“

Das Ehepaar ging gemeinsam zur Psychiaterin. Sie erklärte ihnen, dass Sabrina Dorfner in stationäre Behandlung muss. Trennungsängste überkamen die Mutter. Mit ihrem Mann entschied sie sich für eine Kur, damit sie ihren kleinen Sohn mitnehmen kann. Heute weiß Alexander Dorfner, dass es die falsche Entscheidung war.

„Tut mir leid. Ich empfinde nichts für dich“

 

Frau: „Ich kann nicht mehr. Ich schaffe das einfach nicht mehr.“

Mann: „Soll ich den Kleinen abholen?“

Frau: „So kann ich nicht mehr.“

Mann: „Ich hole ihn. Konzentriere dich auf deine Gesundheit.“

Frau: „Ich kann nicht mehr.“

 

Während seine Frau in der Kur war, veränderte sich Alexander Dorfners Alltag radikal. Früh morgens arbeiten, mittags Erledigungen machen. Abends kochen, sich um die Kinder kümmern. Und dabei seine Tränen verstecken. Am Wochenende war es am schlimmsten, wenn er seine Frau besuchte. Mittwoch konnte er die Trauer vergessen. Freitag fing es wieder von vorne an.

Alexander Dorfner musste weiter funktionieren. Für seine Kinder, für seine Frau. „Du kannst nicht ausfallen“, sagte er zu sich. „Du musst alles aufrechterhalten.“

Bei einem seiner Besuche sagte Sabrina Dorfner die acht Worte, die Alexander Dorfner bis heute nicht loslassen. Mit leerem Blick schaute sie ihm in die Augen: „Tut mir leid. Ich empfinde nichts für dich.“ Ihr Ehemann konnte nicht antworten.

„Das war richtig heftig“, sagt Alexander Dorfner hinterher. „Dass das eines der typischen Symptome ist, wusste ich damals nicht.“ Zögernd erklärt er, dass seine Frau das Gefühl wohl schon lange mit sich herumgetragen habe und es dann einfach rausgeplatzt sei.

Die Heimfahrt wurde für Alexander Dorfner zum Alptraum. 180 Minuten Fahrt mit den Kindern: „Als wir zurückgefahren sind, habe ich zwei Stunden innerlich geweint.“

Nun musste sich der Vater daran gewöhnen, jedes Wochenende eine neue Hiobsbotschaft zu ertragen. Immer öfter sagte seine Frau zu ihm: „Ich habe mir vorgestellt, die Pulsadern aufzuschneiden“. Die Beschreibungen wurden so bildlich, dass für Alexander Dorfner nur noch das Datum fehlte, an dem sie sich umbringen wollte. Manchmal fragte er sich, warum er das alles mitmache. „Ich heule jeden Abend zu Hause, mache den Haushalt, habe die Kinder – und bei meiner Frau ist keine Liebe mehr“, sagt er, „Da habe ich das erste Mal gesagt: Ich kann nicht mehr.“

„Mama hat Monster in ihrer Seele“

 

Sechs Wochen später. Heute verlässt Sabrina Dorfner die Reha. Doch freuen kann sie sich nicht. „Ich traue mich nicht nach Hause“, weint sie. „Ich habe Angst.“ Alexander Dorfner steht neben dem Auto. So lange hat er auf seine Frau gewartet. Die Wut bricht aus ihm heraus. „Jetzt freu’ dich doch mal“, schreit er. Für ihn war es ein weiterer Schlag. Seine Frau will nicht bei ihrer Familie sein.

Mitte Januar: Sabrina Dorfner hatte wieder Suizidgedanken. Sie musste ins Krankenhaus. „Das war das erste Mal, dass ich gesagt habe: Das ist definitiv nicht mehr meine Frau“, erinnert sich Alexander Dorfner. Durch die starke Medikation litt Sabrina Dorfner unter den Nebenwirkungen. Sie zitterte, war unruhig. Sie sei wie eine Geisteskranke umhergelaufen, erzählte er.

Diesmal entschloss sich Sabrina Dorfner, dem Leiden ein Ende zu machen. Mit der Klinge eines Spitzers versuchte sie, ihre Pulsadern aufzuschneiden. Dann hat sie ihren Mann angerufen: „Ich habe Scheiße gebaut.“

Wie schlimm es um ihre Mutter stand, erkannten auch die Kinder. Sie sahen die Wunden an ihren Armen. Mit ihrem Vater schlossen sie einen Pakt: Ab heute werde nichts mehr geheim gehalten. „Bitte lass uns nicht im Unklaren“, haben die beiden gesagt.

Alexander Dorfner erinnert sich auch an ein Gespräch zwischen seiner Frau und ihrem jüngsten Sohn. Dem Kleinen, wie er ihn nennt. Er war zu dem Zeitpunkt fast drei.

 

Kind: „Mama, warum musst du eigentlich immer ins Krankenhaus?“

Mama: „Weil ich krank bin.“

Kind: „Was hast du denn? Wo hast du denn Aua?“

Mama: „Meine Seele tut mir weh.“

Kind: „Was ist eine Seele?“

Mama: „Die Seele ist etwas, was man nicht sieht. Unsere Gefühle, unser Herz.“

Kind: „Hast du da Monster drin?“

 

Wenn jemand heute den Kleinen fragt, was seiner Mama fehlt, antwortet er: „Mamas Seele ist gelb. Eine gesunde Seele ist weiß. Mama hat Monster in ihrer Seele. Und die müssen da raus. Dafür sind die Medikamente da.“

Während der elf Wochen im Krankenhaus bastelte Sabrina Dorfner eine Tonfigur. Dies war Teil der Therapie. Ein weißer Engel, der schützend zwei Kinder in den Armen hält. Alexander Dorfner hat erkannt, dass der Engel seine Frau darstellt. Und die Kinder ihre verlorenen Babys.

„Seit ein paar Tagen hat sie wieder Gefühle“

 

Alexander Dorfner lächelt. Bald steht der 15. Hochzeitstag an. Gleichzeitig ist es ihr 22. Kennenlern-Tag. Er hatte alles genau geplant: Morgens geht er in die Bäckerei und kauft ihren Lieblingskuchen. Zitronenrolle. Dann wird er koffeinhaltigen Café in das Krankenhaus schmuggeln.

Das Besucherzimmer ist kalt. Nur drei quadratische Tische stehen im Raum. Die Fenster sind mit Milchglas abgeklebt. Wenn seine Frau diesmal den Raum betritt, wird es gemütlich sein. Das hatte er sich fest vorgenommen. Kleine Herzluftballons sollen umherschweben, Kerzchen brennen, Glitzer-Konfetti und Servietten die Tische schmücken. Seine Augen strahlen, während er seine Vorstellung beschreibt.

Seit drei Wochen ist seine Frau in einem anderen Krankenhaus. Nach einer gescheiterten Rückführung in die Familie musste sie in den geschlossenen Bereich. Die neue Klinik ist besser für Suizidfälle ausgestattet. Dort ist sie mittlerweile in einem Isolierzimmer. Alexander Dorfner nennt es „die Gummizelle“. Ein kleiner Raum mit einer Matratze auf dem Boden. Kein Strom, kein Ausgang. Gegessen wird auf dem Flur. Alleine. Sabrina Dorfner wird 24 Stunden lang überwacht. Anrufe sind auf ein Minimum reduziert. Nur ihr Ehemann darf sie besuchen.

Oft denkt Alexander Dorfner darüber nach, wie alleine sie sich fühlen muss. Wenn er mit den Kollegen lacht, fühlt er sich schlecht. Spaß kann er nicht haben, solange es seiner Frau nicht besser geht. „Das kann ich doch nicht machen. Ich kann nicht lachen“, erzählt er. „Meine Frau denkt gerade über den Tod nach und ich lache.“

Alexander Dorfner bekommt immer wieder Abschiedsanrufe. „Scheiße“, dachte er sich, „sie wird sich umbringen“. Er atmet aus, denn im Isolierzimmer kann nichts passieren. Selbst Parfümfläschchen musste seine Frau abgeben.

Mittlerweile lächelt Alexander Dorfner wieder. „Es ist schön und komisch zugleich“, sagt er. „Seit ein paar Tagen hat sie wieder Gefühle.“ Seine Mundwinkel gehen nach oben. Einige Tage zuvor besuchte er Sabrina. Diesmal war sie nicht still. Sie hat auch nicht geweint. Seine Frau ging auf ihn zu, legte ihre Hand auf seine Wange: „Schatz, ich liebe dich.“

Alexander Dorfner streicht sich über den Arm und schwelgt einen Moment in der Erinnerung. „Seit Monaten hatte sie es nicht gesagt“, erzählt er. „Und heute hat sie es nicht nur gesagt, sondern es rübergebracht.“

Hochzeitstag. Dorfner darf nicht in das Besucherzimmer. Akute Suizidgefahr, sagen die Ärzte. Mit seiner Frau muss er am Patientenesstisch sitzen. Aus der Ferne überwacht ihn das Personal. Die Dekoration bleibt in der Tüte. Kuchen gibt es auf dem Pappteller. „Nächstes Jahr wird ein besserer Hochzeitstag“, sagt er.

Alexander Dorfner weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Zu hoffen traut er sich nicht mehr. Zu oft wurden seine Wünsche zerstört. Er weiß aber, dass er bei seiner Frau bleiben wird. „Durch die Erkrankung habe ich erst so richtig gemerkt, dass ich sie liebe“, sagt er. Es entwischt ihm wieder ein kleines Lächeln. „Ich weiß, wie stark unsere Liebe ist. Und wie schlimm die Ängste sind, wenn sie nicht mehr da wäre.“

 

*Namen geändert