„Kein anderer kann ihn retten“

Nicht nur Betroffene leiden unter ihrer Depression, auch Angehörige haben es oft schwer. Drei Frauen erzählen über das Leben mit einem psychisch kranken Partner.

PROTOKOLLE VON ALI VAHID ROODSARI UND CATHRIN SCHMIEGEL

Am Limit

Johanna Mittermeier, 47, Altenpflegerin (Name geändert)

Früher habe ich mich bei meinem großen, starken Mann geborgen gefühlt. Heute ist das nicht mehr so. Er ist 50 Jahre alt und hat eine Depression. Seit mittlerweile sechs Jahren unterstellt er mir, dass ich ihn nicht mehr liebe.

Er hat selten glückliche Momente. Nur wenn er sich auf Facebook oder WhatsApp mit anderen Menschen austauscht, dann ist er ausgeglichen. Ich weiß nicht, ob er dann eine Maske trägt oder dieses Gefühl auch lebt. Zuhause ist er anders. Er hat nur ein geringes Selbstwertgefühl. Die meiste Zeit verbringt er apathisch auf der Couch. Wenn ich das Wohnzimmer betrete, dann liegt er da, das Handy in der einen Hand und die Fernbedienung in der anderen. Nebenher läuft der Computer. In solchen Momenten würde ich gerne gehen.

Die Depression kam schleichend. Wir hatten einen kleinen Streit, er ist zur Arbeit gefahren. Dort bekam er keine Luft mehr. Im Krankenhaus untersuchten die Ärzte seine Lunge, doch erst eine befreundete Krankenschwester kam auf die richtige Diagnose. Mein Mann verbrachte drei Monate in einer Klinik. Er hatte immer wieder Panikattacken und Angstzustände. Sein Körper stellt wohl kein Serotonin mehr her.

Die Therapie hilft, er bekommt wieder mehr Selbstbewusstsein. Mir hat die Ärztin – sehr subtil – gesagt, dass eine Beziehung mit einem Erkrankten wohl nicht funktioneren wird. Um sie durchzuhalten, habe ich angefangen, mich zu belohnen. Ich gebe mir ein kleines Taschengeld, gehe auf Volksfeste, zum Weiberstammtisch oder etwas essen. Ich lebe wieder und verkrieche mich nicht mehr nur in meiner Wohnung. Das hilft mir nicht immer. Es gibt Tage, an denen ich weine.

Derzeit überwiegen die Phasen, in denen ich traurig bin. Es ist so schwer. Meine Tochter ist auch krank und mein Sohn hat eine Leseschwäche. Mein Beruf – ich bin Altenpflegerin – ist anstrengend. Ich bin immer nur gefordert und muss für jeden da sein. Neulich habe ich eine Kur beantragt, um etwas Zeit für mich zu haben.

Ich habe lange versucht, die Depression meines Mannes zu verstehen. Ich habe ein Achtsamkeitstraining gemacht und bin einer Selbsthilfegruppe für Angehörige beigetreten. Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich nicht für ihn zuständig bin. Er muss da selber raus. Kein anderer Mensch kann ihn retten. Ich selbst habe mir ein Limit gesetzt: Spätestens, wenn die Kinder aus dem Haus sind, kommt der Punkt, an dem ich mir überlege: Möchte ich nun raus oder bleibe ich?

 

Das zweite Gesicht

Anna Weber, Werbekauffrau, 44 Jahre alt (Name geändert)

Dass mein Ex-Freund an einer Depression leidet, hat er mir gleich zu Beginn unserer Beziehung erzählt. Für mich war das kein Problem. Er sagte mir, er hätte seine Krankheit im Griff. Ich glaubte ihm. Dass er falsch lag und eine Therapie brauchte, merkte ich erst hinterher.

Zweieinhalb Jahre lang war ich mit diesem Mann zusammen. An einem Tag vor acht Monaten hat er mich angerufen und gesagt: „Ich mag dich nicht mehr.“ Er nannte keinen Grund. Das war’s dann für uns. Bis heute weiß ich nicht, warum er Schluss machte und was ihn störte. Für mich lief es die meiste Zeit gut. Weil ich sein Verhalten verstehen wollte, habe ich angefangen, zum Thema Depression zu recherchieren. Vorher hatte ich das nie gemacht.

In manchen Phasen war mein Ex-Freund liebevoll, wir haben viel gemeinsam unternommen. Dass ich so extrovertiert war, hat ihm gefallen. An anderen Tagen war er wie ausgewechselt: Er war zynisch, sarkastisch. Alles hat ihn überfordert, er hat sich zu Hause eingeschlossen. Oder er ging auf andere Weise auf Distanz zu mir: Wenn ich beim Spazierengehen nach seiner Hand griff, ließ er sie los. Wenn ich mich an ihn schmiegte, drehte er sich weg. Ich fragte ihn, was passiert sei. Er antwortete nicht. Manchmal hat er sich tagelang nicht bei mir gemeldet. Ich habe stundenlang geweint. Dann gab es Tage, an denen er sich nur beschwerte: „Du beachtest mich nicht“, sagte er oder: „Du kümmerst dich nicht um mich.“ Hatten wir einen Streit, hat er ihn mir immer wieder vorgeworfen. Für Lösungen und Kompromisse war er unempfänglich. Er zog alles ins Lächerliche. Egal, was ich sagte oder tat, es war falsch.

Zweieinhalb Jahre hat unsere Beziehung funktioniert. Oft spielte er mir den idealen Partner vor. Er hat sich an Verhaltensmustern entlang gehangelt. Heute weiß ich, dass er mich manipulierte. Unsere Freunde haben mir nicht geglaubt, dass er auch anders sein kann. Es war, als hätte er ein zweites Gesicht.

Eigentlich, das glaube ich heute, wollte er mich zerstören. Ob das an der Krankheit liegt, kann ich nicht sagen. Aber ich erkenne Muster, von denen ich in Büchern gelesen habe. Dort steht viel über Zynismus und darüber, dass sich depressiv Erkrankte wie kleine Kinder verhalten können. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass ich mit einer Marionette zusammen war. Ich dachte immer, er sei der Partner meines Lebens, heute denke ich, dass er bloß ein guter Schauspieler war.

 

„Ich vermisse ihn“

Sarah Wachert, 25, Studentin 

Ich studiere Soziale Arbeit, weil ich hoffe, damit vielen Leuten zu helfen. Bei einem Menschen weiß ich, dass ich nichts mehr für ihn tun kann, obwohl ich alles versucht habe: meinem Ex-Freund. Er ist 27, Tischlehrlehrling und leidet an einer Depression. Und das schon seit vielen Jahren. Von Tag zu Tag wird sie schlimmer.

Angefangen hat unsere Geschichte vor zwei Jahren. Er war damals 25, ich 23 Jahre alt. Schon sehr früh erzählte er mir, dass er depressiv sei. Er litt sehr unter seiner Krankheit, war oft verstimmt, es ging ihm nicht gut. Das habe auch ich gemerkt, obwohl wir damals nur Freunde waren. Trotzdem berührte mich die Situation. Ich machte mir Sorgen um ihn, dachte viel über ihn nach: Wie geht es ihm? Wie gehe ich mit ihm um? Ich achtete besonders auf meine Wortwahl. Mit depressiv Erkrankten soll man „lösungsorientiert“ reden, bloß nichts Falsches sagen. Also nichts, was die Situation noch schlimmer machen könnte.

Als wir eine Beziehung anfingen, nahm mich sein Leid immer mehr mit. Es ist nicht leicht, zu jeder Zeit die richtigen Worte zu finden. Manchmal zeigte ich meine Wut und Trauer. Daraufhin zog er sich zurück und meldete sich erstmal ein paar Tage lang nicht. Dann fühlte ich mich schlecht. Es war schwer, mit der Zeit aber mochte ich ihn immer mehr. Ich sah in ihm einen ganz besonderen Menschen. Einen sehr ehrlichen. Aufrichtiger als alle anderen, die ich kenne. Das fand ich sehr beeindruckend und ich war mir sicher: Mit meiner Liebe und Zuneigung würde er seine Krankheit schon überwinden. Ich dachte, dass er sich – wäre ich nur viel für ihn da – stabilisieren und auf ein normales Maß kommen würde.

Schon bald merkte ich, dass ich falsch gelegen hatte. Ich hatte die Krankheit nicht ernst genommen und das war mein Fehler. Ansonsten hätte ich anders gehandelt und wäre die Beziehung nicht eingegangen. Anfangs war alles okay. Er reagierte positiv auf meine Zuneigung. Es ging ihm besser und unserer Beziehung ebenfalls. Doch das war nur für einen kurzen Zeitraum. Er hatte mit vielen Herausforderungen im Alltag zu kämpfen und zog um. Er musste sein Leben umkrempeln und sich einen neuen Job suchen. Es wurde ihm zu viel und seine Laune verschlechterte sich. Schließlich meldete er sich immer seltener. Und ich machte mir immer größere Sorgen. Die Situation zog auch mich runter. Ich war sehr unkonzentriert, meine Gedanken kreisten nur noch um ihn. Er dagegen konnte oder wollte meine Hilfe nicht annehmen. Da habe ich gemerkt: Das wird so nichts, ich will mein Leben so nicht verbringen. Ich machte Schluss.

Wenigstens weiß ich, dass ich mit meinem Leid nicht alleine bin. Ich bin einer Gruppe für Angehörige von depressiv Erkrankten beigetreten. Dort stieß ich auf andere Menschen, die das Gleiche durchgemacht haben wie ich. Ich lese ihre Geschichten und bin mir sicher: Dahin möchte ich nicht wieder zurück. Ich ziehe aus ihren Erfahrungen auch Energie für meinen eigenen Weg. Ich hoffe, dass mein Ex-Freund ebenfalls die Kraft findet, aus seiner Spirale herauszubrechen. Und ich wünsche mir, dass er Hilfe annimmt und bald wieder ein geregeltes Leben führen kann. Ich vermisse ihn.