Depression bei Kindern

Auch Kinder und Jugendliche leiden unter Depressionen. Bei ihnen gehören sie zu den häufigsten psychischen Störungen. Daher ist es wichtig, rechtzeitig auf Symptome zu reagieren. Aber woran erkennt man, dass das eigene Kind depressiv ist?

VON JOHANNES DROSDOWSKI

Auch Kinder können an Depressionen erkranken. Die Wahrscheinlichkeit dafür hängt vom Lebensalter ab. Nur etwa ein Prozent der Kinder im Vorschulalter haben Depressionen. Das schreibt FIDEO, die Jugendberatungsstelle der Deutschen Depressionshilfe. Im Grundschulalter sind es etwas weniger als zwei Prozent. Bei Jugendlichen ab zwölf Jahren sind es zwischen drei und zehn Prozent. Dabei sind in der Kindheit Mädchen wie Jungen gleichermaßen betroffen. Ab dem Jugendalter leiden Mädchen etwa doppelt so häufig an Depressionen.

Schlamp-Foto

Dieter Schlamp ist ärztlicher Direktor der Heckscher-Klinik in München. Foto: privat

Dieter Schlamp, der stellvertretende ärztliche Direktor der Heckscher-Klinik in München, hält diese Prävalenzszahlen für depressive Symptome für relativ hoch gegriffen. Er geht von etwa fünf Prozent der Jugendlichen aus, die in ausgeprägter Form depressiv sind. In seiner Klinik behandeln Ärzte Kinder und Jugendliche mit diversen Störungen. Depressionen sind dabei nur eines der Störungsbilder. Er hält es für wichtig, schnell zu reagieren, wenn man den Verdacht hat, dass ein Kind daran erkrankt ist. So könne man in manchen Fällen verhindern, dass die Erkrankung sich verschlimmere und der Weg zurück noch schwerer werde.

Die Symptome – Ist mein Kind depressiv?

„Woran man erkennt, dass ein Kind depressiv ist“, sagt Schlamp, „ist manchmal nicht so leicht auszumachen.“ Besonders bei jüngeren seien die Ausprägungen sehr verschieden und entsprächen nicht immer dem typischen Krankheitsbild. Erst wenn die Betroffenen älter werden, ähneln die Symptome mehr denen von Erwachsenen. Auch FIDEO unterscheidet deswegen die Symptome nach Altersgruppen. Aus den Angaben der Organisation und von Schlamp lässt sich daher ein grober Katalog erstellen:

Für 1 – 3-Jährige Für 3 – 6-Jährige Für 6 – 12-Jährige Für 13 – 18-Jährige

Besonders die Rate von Suizidversuchen steigt in der Pubertät stark an.

Bei allen Altersgruppen kann es auch zu körperlichen Symptomen kommen, wie psychosomatischen Beschwerden in Form von Kopf- oder Bauchschmerzen, Schwindel, Einnässen, Einkoten und Schlafstörungen. Außerdem neigen gerade Jugendliche zu komorbiden Störungen – also Erkrankungen, die durch die Depression bedingt oder von ihr begünstigt werden und gleichzeitig auftreten können. Darunter fallen Suchterkrankungen, ein gestörtes Sozialverhalten, sowie Angst- und Essstörungen, die wiederum zu Gewichtsverlust oder -zunahme führen können. „Manche Kinder essen fast nichts mehr“, erklärt Schlamp, „andere fressen ihre Depression in sich hinein“.

Die Ursachen – Warum ist mein Kind depressiv?

Die Gründe für Depressionen sind bis heute noch nicht vollständig geklärt. Die Wissenschaft geht davon aus, dass immer mehrere Faktoren zusammenspielen müssen, um die Krankheit auszulösen. Schlamp beschreibt zwei Fälle aus seiner Klinik: die von Sylvia und Sebastian.

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Die Diagnose – Wohin mit meinem Verdacht?

Wenn Eltern das Gefühl haben. dass ihr Kind depressiv ist, sollten sie ein vertrauliches und ruhiges Gespräch mit ihm führen, rät FIDEO. Sollten sie auch danach noch eine Erkrankung vermuten, wird das Gespräch mit einem Fachmann notwendig. Schlamp empfiehlt, zuerst mit dem eigenen Kinderarzt zu sprechen. „Der Arzt kennt seinen Patienten, seine Familie, hat Einblick in das soziale Umfeld und kann vielleicht schon nach dem Gespräch eine Depression ausschließen“, erklärt Schlamp. „Oder der Verdacht verhärtet sich. Dann wird er seinen Patienten an einen Experten verweisen.“

Bei der Behandlung wird neben dem psychischen Zustand des jungen Patienten auch untersucht, ob es körperliche Ursachen gibt, wie etwa eine Störung der Schilddrüsenfunktion. Zudem überprüfen die Ärzte, ob andere begleitende psychiatrische Störungen, zum Beispiel Angststörungen, auftreten.

Wichtig ist in jedem Fall, sich an einen Arzt zu wenden.

Die Behandlung – Wer hilft meinem Kind? Und wie?

Die Spezialisten zur Behandlung von Depressionen unterscheiden sich in Ausbildungen und Behandlungsmöglichkeiten:

ArtenvonPsychotherapeuten

Je nach Schwere der Erkrankung und Alter des Kindes werden unterschiedliche Therapiemaßnahmen ergriffen. Gerade bei Jugendlichen wird häufig mit der kognitiven Verhaltenstherapie gearbeitet, deren Erfolg als gesichert gilt. Schlamp erklärt: „Häufig denken depressive Jugendliche extrem negativ. Zum Beispiel so: ‚Wenn mich ein Freund nicht mag, dann mag mich eben niemand.’“ An diesem Denkansatz arbeitet der Therapeut mit den Betroffenen. Damit der jugendliche Patient später beispielsweise sagt: „Wenn mich dieser Freund nicht mag, ist das okay. Es gibt ja noch viele andere.“

Bei schweren Erkrankungen arbeiten Kinder- und Jugendpsychiater auch mit einer Kombination aus verschiedenen Behandlungen: zum Beispiel mit der kognitiven Verhaltenstherapie und Antidepressiva. Die unabhängige Studie The Treatment for Adolescents with Depression Study zeigte 2009, dass diese Kombinationstherapie bei schweren Depressionen in den ersten sechs Wochen der Behandlung die Gemütslage schneller verbessert als die reine Behandlung mit Medikamenten oder bloßer kognitiver Verhaltenstherapie. Erst 18 Monate nach Behandlungsbeginn sind alle Therapiemethoden gleichauf.

Hinzu kommt, dass die Medikamente nicht bei allen Betroffenen gleichermaßen Erfolge erzielen. Besonders bei Kindern bis zwölf Jahren schlagen sie kaum an.

Bei besonders schweren Depressionen mit Suizidgedanken oder -versuchen ist eine ambulante Behandlung der Kinder teilweise nicht mehr möglich. Sie werden dann zu ihrer eigenen Sicherheit auf eine „geschlossene“ oder auch „geschützte“ Station gebracht. Sobald sich ihr Zustand verbessert, können sie in einen anderen Bereich der Klinik umziehen. Dort erhalten sie Unterricht, können Spiel- und Sportstätten nutzen, ihre Freizeit mit kreativen Hobbys füllen und haben feste Zeiten, zu denen sie die Einrichtung verlassen dürfen. Dabei haben sie stets Ansprechpartner an ihrer Seite. Mehrmals pro Woche nehmen sie an Therapiesitzungen teil.
Egal ob ambulant oder stationär: Irgendwann endet die Behandlung. Bei manchen dauert es einige Monate, bei anderen viel länger. Doch am Ende sollten alle Kinder und Jugendlichen soweit sein, dass sie mit ihrer Problemen im Alltag umgehen können und die Depression im besten Fall sogar überstanden haben.

Titelfoto: Elge Kenneweg / Felix Nussbaumer

Grafiken: Johannes Drosdowski