Was Depressionen im Gehirn anrichten

Elisabeth Binder ist Geschäftsführende Direktorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und erforscht, was Depressionen und Traumata im Gehirn auslösen. Sowohl Depression als auch Deren Therapie greifen tief in die biologische Struktur des Gehirns ein.

INTERVIEW VON CHRISTIAN SIMON
Elisbeth Binder

Elisabeth Binder ist Geschäftsführende Direktorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Foto: Elisabeth Binder

DJS: Frau Binder, was genau passiert bei einer Depression im Gehirn?

Elisabeth Binder: Wir wissen es nicht. Es gibt Hinweise, dass bei einer Depression bestimmte Gehirnregionen, die für das Verarbeiten von Emotionen zuständig sind, anders funktionieren. Auch bei der Frage nach den Auslösern für eine Depression gibt es große Unsicherheiten. Wir wissen, dass es verschiedenste Dinge sind, die da zusammenkommen: genetische Veranlagungen, aber auch äußere Einflüsse wie Traumata oder Stress.

Heißt das, es gibt ein „Depressions-Gen“?

Nein, das gibt es so natürlich nicht. Wenn überhaupt, existiert eine Vielzahl an Genen, die alle das Risiko für eine Depression ein bisschen erhöhen. Wahrscheinlich werden aber auch diese Gene nicht einfach so aktiv, sondern nur in Kombination mit negativen Lebensereignissen.

Ein Trauma, also eine psychische Verletzung, kann Einfluss auf die physische Struktur unseres Gehirns nehmen?

Ja. Man erkennt immer mehr, dass Traumata und Stress tatsächlich auch das Genmaterial in den Zellen beeinflussen. Damit verändert sich auch die Art, wie die Zelle und damit das ganze Gehirn funktioniert. Studien haben gezeigt, dass etwa bei Opfern sexuellen Missbrauchs in der Kindheit die Gehirnregionen für das Empfinden im Intimbereich weniger ausgeprägt sind. Das heißt, das Gehirn adaptiert sich an dieses Trauma und verändert seine Funktionen.

In einer Studie zu diesem Thema untersuchten Wissenschaftler um Christine Heim die Gehirne depressiver Frauen – einige hatten in ihrer Kindheit Traumata erfahren, andere nicht. Sie haben die Größe des Hippocampus, einer Gehirnregion, die unter anderem für das Gedächtnis und das Lernen zuständig ist, gemessen. Bei traumatisierten Probandinnen waren die Hippocampi bis zu 18 Prozent kleiner als bei nicht traumatisierten. Die Autoren der Studie schließen daraus, dass diese Patientinnen deshalb auch schlechter auf Antidepressiva ansprechen.

Und Medikamente können diese Veränderung rückgängig machen?

Antidepressiva sind meistens sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Sie erhöhen die Konzentration des Glückshormons Serotonin. Bei vielen Patienten wirkt das sehr gut. Wir wissen allerdings nicht genau, ob das daran liegt, dass bei diesen Patienten die Depression tatsächlich durch einen Mangel an Glückshormonen ausgelöst wurde oder ob auch andere Defizite im Gehirn mit dem Glückshormon ausgeglichen werden können. Es gibt leider auch Patienten, bei denen Antidepressiva nicht wirken.

Von wie vielen Patienten sprechen Sie?

Bei der ersten Behandlung mit Medikamenten sprechen etwa 50 Prozent der Patienten nicht auf die Therapie an. Manche brauchen mehrere Zyklen mit unterschiedlichen Medikamenten, um eine Wirkung zu merken. Etwa zehn Prozent der Patienten haben eine therapieresistente Depression. Das heißt, dass sie über zwei Jahre nicht aus ihrer Depression herauskommen – egal, ob man sie mit Medikamenten behandelt oder mit einer Psychotherapie.

Psychotherapie? Kann das Gehirn auch durch eine Sprachtherapie verändert werden?

Natürlich. In der Psychotherapie werden Prozesse neu gelernt. Ein depressiver Patient hat Probleme, Ereignisse einzuordnen. Er bewertet Erlebnisse und Interaktionen mit Menschen negativ. In der Psychotherapie lernt er, solche Situationen neu einzuordnen – dafür muss sich auch das Gehirn umstellen. Das Lernen ist ein biologischer Prozess, der Veränderungen in den Nervenzellen und Synapsen voraussetzt. Oft ist deshalb eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie erfolgreich, weil sich die biologischen Prozesse des Lernens und die Medizin gegenseitig unterstützen.

Womit beschäftigt sich die Forschung aktuell?

Im Moment ist es besonders wichtig, die Ursachen für Depressionen herauszufinden. Derzeit läuft die Diagnose in der Psychiatrie – nicht nur bei Depression – folgendermaßen: Der Patient beschreibt seine Symptome. Dann gibt es verschiedene Kategorien, in die der Patient mit seinen selbstbeschriebenen Symptomen vom Arzt eingeordnet wird. Das führt dann dazu, dass wir hauptsächlich Symptome behandeln. Wenn aber jemand zum Beispiel Bluthochdruck hat, kann das auch viele verschiedene Ursachen haben. Es kann mit Tumoren, Veränderungen in den Nierenarterien und Gefäßverengungen zusammenhängen. Und jede dieser Ursachen muss man natürlich völlig unterschiedlich behandeln. Die Forschung ist deshalb bemüht, mehr über die biologischen Auslöser einer Depression herauszufinden, um die Ursachen bekämpfen zu können, und nicht nur die Symptome.

Und wie wird das erforscht? Werden Hirnscans gemacht oder kann man bald Bluttests auf Depression machen?

Beide Ansätze sind sehr wichtig. Wir versuchen zum Beispiel, unterschiedliche Muster der Gehirnaktivierung bei Stress oder anderen Belastungen mit Genetik oder anderen biologischen Faktoren zusammenzubringen. Dies können Messungen der Herzfrequenz, Hormone oder andere Faktoren sein.

Elisabeth Binder und ihr Kollege Felix Hausch forschen etwa mit dem Hormon FKBP5. Das ist ein Protein, das die Rezeptoren für Stresshormone im Gehirn reguliert. Es nimmt damit Einfluss auf die Funktion des Gehirns bei Stressreaktionen. Ein Medikament, das FKBP5 blockiert und damit das Stresssystem dämpft, befindet sich in einer frühen Entwicklungsphase. Von einer solchen Entwicklungsphase bis zur Markteinführung kann es allerdings Jahre dauern.

Aber Antidepressiva arbeiten ja bereits mit Hormonen. Können die neuen Hormone mehr als nur die Symptome bekämpfen?

Die Hypothese ist folgende: Wenn wir das Stresshormon-System regulieren, können wir dem Organismus helfen, wieder in sein Gleichgewicht zu kommen. Dadurch würde sich auch ändern, wie schnell ein Mensch lernt, anders auf Stress zu reagieren. Und durch das Umlernen würden eben wieder dauerhafte Veränderungen im Gehirn angestoßen. Wir sind gerade dabei, das zu erforschen. Es wäre sehr wahrscheinlich auch kein Allheilmittel für alle Patienten, aber vielleicht wenigstens für die, die eine genetische Vorbelastung haben.

Titelfoto: Elge Kenneweg / Felix Nussbaumer