Die Henne oder das Ei? Die Drogensucht oder die Depression?

Ob Cannabiskonsum depressiv macht, ist nicht belegt. Doch viele Erkrankte kommen aus der Kifferszene. Ein typischer Fall.

VON CHRISTOPH KÜRBEL
Mathias L. (32) - fiel als "Dauerkiffer" in die Depression

Mathias L. (32) – fiel als Dauerkiffer in die Depression. Foto: Christoph Kürbel

Ungezählte Züge aus der Bong, der speziellen Wasserpfeife für Kiffer. Keine Lust auf gar nichts. Mathias L. sperrt sich ein. Kein Antrieb, keine Freude, kein Lebenswille mehr. Mit fünfzehn Jahren hat seine Kifferkarriere begonnen. Er war glücklich, hat mit seinen Freunden in seiner Heimat im oberbayerischen Dorfen viel unternommen. Alles war gut, eigentlich. Gekifft hat er viel, aber Probleme gab es keine. Zehn Jahre später, 2009, kamen in kurzer Abfolge einige unglückliche Momente: Mit der Freundin war Schluss. Er verlor seinen Job bei einer Firma, die Swimmingpools baut. Der Chef hatte ihn im Sommer nicht wieder eingestellt. Mit seinen Mitbewohnern gab es Stress, weil sie ständig seine Bong benutzten und seine Sachen aus dem Kühlschrank stahlen.

„Dann ging es eigentlich relativ schnell, dass ich keine Lust mehr auf irgendwas hatte.“
Mathias zog sich zurück. Zurück an die Bong. Zurück in sein Zimmer, aus dem ihn auch seine Mitbewohner nicht mehr herauslocken konnten. „Die Leute aus meiner WG wollten eigentlich schon, dass ich ab und zu mal rauskomme. Aber ich hatte keinen Bock.“ Er begann zu grübeln. Dabei habe er immer nur an die schlechten Dinge gedacht, die ihm widerfahren sind. Positives blendete er aus. Zwanghaft habe er an der Bong gehangen. Immer wenn er sich einredete, er werde langsam nüchtern, zog er an der Pfeife. 2010 dann der Absturz. Nach einem Nervenzusammenbruch begleitete er seine Mutter zu einem ihrer Termine ins Isar-Amper Klinikum in Taufkirchen an der Vils bei München. Die Mutter war schon länger in Behandlung, wegen schwerer Depression.

Die Psychiaterin erkannte gleich, dass mit Mathias etwas nicht stimmte. Ein junger Mann, der nur noch 55 Kilogramm wog, Selbstmordgedanken hatte und so gut wie jeden sozialen Kontakt abgebrochen hatte.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung stellt in ihrem 2015 veröffentlichten Bericht fest: „Cannabiskonsum ist bei den unter 25-Jährigen mittlerweile der Hauptgrund für eine ambulante und stationäre Behandlung sowie die Inanspruchnahme von Einrichtungen der Suchthilfe bei Problemen mit illegalen Drogen.“ Dabei ist zwar nicht gesagt, dass alle Jugendlichen, die Hilfe suchen, auch eine Depression entwickeln. Allerdings legt das Robert Koch-Institut nahe, dass komorbide depressive Störungen – also sogenannte Doppeldiagnosen – entstehen können, „die zusätzlich zur Therapie der Substanzabhängigkeit gezielt behandelt werden müssen.“

Drogenreport 2015; Quelle: Drogenbeauftragte der Bundesregierung (http://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Service/Publikationen/2015_Drogenbericht_web_010715.pdf)

Drogenreport 2015; Quelle: Drogenbeauftragte der Bundesregierung (http://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Service/Publikationen/2015_Drogenbericht_web_010715.pdf)

Das bestätigt auch Johannes Hamann vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. „Es gibt eine Komorbidität von Substanzmissbrauch und Depression. Man muss dann immer gucken, was Henne und was Ei ist.“ Aber Hamann stellt auch fest, dass alle Substanzen, die in den Hirnstoffwechsel eingreifen, Nebenwirkungen hervorrufen können: „Sicherlich ist da eine Depression nicht untypisch.“ Denn Cannabis und andere Drogen wirken auf das Belohnungszentrum im Gehirn. „Normale Situationen wie Lob oder schöne Erlebnisse haben nicht mehr die ursprüngliche Verstärkerqualität“, sagt René Noack, Leiter der Tagesklinik im Universitätsklinikum Dresden.

Die Psychiaterin, die Mathias behandelt hatte, verschrieb ihm ein Antidepressivum. Seine Lage besserte sich. Durch viele Gespräche und mit Hilfe der Medikamente hatte er sich wieder gefangen. Nach einiger Zeit hatte er sogar wieder eine Freundin, mit der er zwei Jahre zusammen blieb. In dieser Zeit hat er nicht gekifft. Sie habe ihn abgelenkt und von seinen Bekannten isoliert, sagt er. Als mit ihr Schluss war, hat er seine damaligen Freunde besucht, die ihn zu alten Mustern verleiteten. Hier ging ein Joint herum und Mathias war wieder dabei. So extrem wie früher wurde es nicht mehr. Heute raucht er ab und an. Aber er nimmt auch weiterhin seine Medikamente.
„Natürlich sollte man das Suchtmittel nicht weiter nehmen, vor allem, wenn man die Hypothese hat, dass man davon depressiv geworden ist“, sagt  Hamann. Es können Komplikationen auftreten, bestätigt René Noack. Allerdings könne man seinen Patienten auch nichts verbieten.

Mathias ist überzeugt, dass das Kiffen seine Depression ausgelöst oder zumindest gefördert hat. Er führt darauf seine Antriebslosigkeit zurück, die ihm in Konfliktmomenten die Kraft geraubt hat, diese zu lösen. Letztendlich kann vieles eine Depression auslösen: von genetischen Dispositionen bis hin zu Umwelteinflüssen. Welcher zuerst da war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Wie bei der Henne und dem Ei.

 

In der Wissenschaft wird auch die Rolle von Drogen als Medikament gegen Depression erforscht. Mehr dazu erfahren Sie HIER.