Das letzte Mittel

Vielen schwer depressiven Patienten bringt eine klassische Therapie mit Antidepressiva keine Linderung. Derzeit forscht die Medizin an psychoaktiven Drogen wie Ketamin und Pilzen. Mit vielversprechenden Ergebnissen.

VON JESKO ZU DOHNA

Ketamin hat seit einigen Jahren die Techno-Clubs erobert: Man mischt es mit Kokain oder schnupft es pur. Bei der Einnahme von „K“, wie die Droge in der Szene genannt wird, kommt es zu Halluzinationen, Schwindelgefühlen und zu einer Verzerrung von Raum und Zeit. Im schlimmsten Fall, bei einer Überdosierung, dem „K-Hole“, erleben die Partygänger Horrortrips und Wahnvorstellungen. Übermäßiger Konsum von Ketamin macht abhängig und kann schizophrene Psychosen auslösen. Zudem kann die Substanz die Blase schädigen. Beim „Ketamine Bladder Syndrome“ bilden sich bösartige Geschwüre in der Harnblase.

WIE DIE SUBSTANZ WIRKT, WEIß MAN NOCH NICHT GENAU

Trotz der negativen Wirkungen wird mit Ketamin heute intensiv in der Psychotherapie geforscht. Die Substanz, die 1962 ursprünglich als Anästhetikum synthetisiert wurde, gilt als Hoffnungsträger bei der Behandlung von schweren Depressionen. „Etwa die Hälfte der depressiven Patienten können wir mit der klassischen Therapie mit Antidepressiva behandeln“, sagt Malek Bajbouj, Leiter der Psychiatrie der Berliner Charité. Allerdings gibt es auch Menschen, die schon lange so schwer depressiv sind, dass keine Therapie in der Lage ist, sie von ihren Symptomen zu befreien. Eine solche Depression gilt als „treatment resistent“ – als schwer behandelbar. Dabei brauchen gerade solche Patienten, die etwa suizidgefährdet sind, schnelle und zuverlässige Hilfe.

„Seit zehn Jahren hat die Pharmaindustrie kein Antidepressivum mehr entwickelt, das für schwer zu behandelnde Depressionen geeignet ist“, sagt Thomas Messer, der als Psychiater in Pfaffenhofen mit Ketamin forscht.

Anders als Antidepressiva führe Ketamin nicht dazu, dass das Level des Botenstoffes Serotonin im Körper erhöht werde, sagt Messer. Der Wirkstoff wirke ganz anders als herkömmliche Medikamente gegen Depression. Man versuche mit Ketamin die zerstörten neuronalen Strukturen wiederzubeleben. „Aber wie die Substanz genau wirkt, weiß man noch nicht, das ist hoch spekulativ“, sagt der Mediziner. „Wir stehen noch am Anfang.“

EINE ZULASSUNG VON KETAMIN KANN NOCH JAHRE DAUERN

Was man aber weiß: Ketamin sorgt zuverlässig und schnell für Aufheiterung des Gemütszustands. In einem Experiment des National Institute of Mental Health (NIMH) in Maryland 2006 zeigte sich bei 71 Prozent der Probanden eine antidepressive Wirkung, in Form einer Halbierung der Symptome innerhalb von einem Tag. Seitdem wird weltweit geforscht. Malek Bajbouj, der die Substanz in Deutschland als Erster intravenös verabreichte, hat positive Erfahrungen gemacht. Seit September 2015 läuft eine weltweite Studie,  bei der Probanden Ketamin als Nasenspray verabreicht wird. In Deutschland sind zwölf Standorte beteiligt. Ziel ist es, die Sicherheit und Verträglichkeit von Ketamin zu erforschen. „Wir hoffen, bald soweit zu sein, dass Patienten zu Hause das Nasenspray ohne ärztliche Aufsicht einnehmen können“, sagt Stefan Braune, der mit dem Neurozentrum in Prien an der Studie teilnimmt. Erste Ergebnisse der Studie sollen im Januar 2018 präsentiert werden.

Allerdings kann eine Zulassung von Ketamin als Mittel gegen Depression noch Jahre dauern. Die Nebenwirkungen können beträchtlich sein: von Übelkeit, Schwindel, Herzrhythmusstörungen bis hin zu Angstzuständen. „Bisher ist es gut gelaufen“, sagt Braune. „Insgesamt wird es gut vertragen.“ Ein Problem von Ketamin ist, dass es nicht dauerhaft wirkt. „Wir registrieren zwar schnell einen positiven Effekt“, sagt Messer, „allerdings flaut der auch zu schnell wieder ab“. Das Ketamin öffne zwar eine Tür, derzeit sei aber völlig unklar, wie man weiter, etwa mit einem Antidepressivum, therapiere.

PSILOCYBIN HEMMT DIE VERARBEITUNG NEGATIVER EMOTIONEN IM GEHIRN

Neben Ketamin interessiert die Wissenschaft in den USA, der Schweiz und Großbritannien noch eine andere Substanz: Psilocybin. Es ist ein Halluzinogen, welches in psychoaktiven Pilzen sogenannten Magic Mushrooms vorkommt, die von Menschen als Drogen verwendet werden. Für den Konsum als Rauschmittel zerkleinert man etwa frische oder getrocknete Pilze, löst sie in Flüssigkeit auf und trinkt sie. Die Folge sind Halluzinationen und fremde Bewusstseinszustände.

Nebenwirkungen der Droge sind Panikattacken und Angststörungen. Ein Trip kann zudem die Persönlichkeit dauerhaft verändern. In geringer Dosierung hat die Substanz aber Potential, Angststörungen und Depressionen abzumildern. „Psilocybin hemmt die Verarbeitung negativer Emotionen im Gehirn“, sagt Rainer Krähenmann, der seit 2010 an der Universitätsklinik in Zürich mit dem Wirkstoff forscht. Psilocybin wird im Körper in Psilobin umgewandelt, welches dem Glückshormon Serotonin ähnelt und ähnliche Auswirkungen hat wie der körpereigene Botenstoff. „Seit den 60er Jahren wird geforscht“, sagt Krähenmann. „Die Substanz verspricht deutlichen Nutzen bei Depressionen, Suchterkrankungen und Neurosen.“

PSYCHEDELISCHE SUBSTANZEN HABEN GRAVIERENDE EFFEKTE AUF DIE PSYCHE

Kürzlich sorgte eine Studie  des Imperial College in London für Aufsehen. Die Forscher erprobten Psilocybin an sechs Frauen und Männer im Alter von 30 bis 64 Jahren mit schwerer Depression, bei denen jede Behandlung gescheitert war. Auch hier wurde die Substanz wieder in kleiner Dosierung verabreicht. Die Forscher um Robin Carhart-Harris sind zufrieden mit den Ergebnissen. Bei allen Patienten seien die Symptome der Depression innerhalb von mindestens drei Wochen deutlich zurückgegangen. Sieben Patienten hätten nach drei Monaten noch eine positive Reaktion gezeigt, bei fünf sei die Depression darüber hinaus abgemildert worden.

Die Probanden erhielten oral Kapseln mit Psilocybin – zweimal im Abstand von einer Woche. Bei der Einnahme der Substanz wurde in einem abgedunkelten Raum entspannende Musik gespielt. Zwei Psychiater überwachten die Prozedur, erkundigten sich ständig nach dem Zustand des Patienten. Nach Einnahme der Dosen dauerte es bis zu einer Stunde, bis sich ein psychedelischer Effekt zeigte, der nach zwei bis drei Stunden seinen Höhepunkt erreichte. Nach sechs Stunden konnten die Patienten die Klinik wieder verlassen.

Trotz der Ergebnisse der Studie sollten die Menschen nicht glauben, dass sie sich zu Hause selbst mit Magic Mushrooms therapieren könnten, warnt Carhart-Harris. „So ein Ansatz ist riskant“, sagt der Psychiater. „Psychedelische Substanzen haben gravierende Effekte auf die Psyche.“ Man dürfe sie nur in Anwesenheit von Ärzten verabreichen. Auch müssten die Patienten zuvor gründlich untersucht werden.

NOCH IST PSILOCYBIN IN DEN MEISTEN LÄNDERN VERBOTEN

Denn trotz der positiven Effekte von niedrig dosiertem Psilocybin kann die Substanz bei anfälligen Probanden Psychosen auslösen. Und so zeigte sich bei fast allen Patienten der Studie zunächst Angst, bevor die aufheiternde Wirkung einsetzte. Verwirrung, Übelkeit und Kopfschmerzen, bis hin zu einer Paranoia waren die Nebenwirkungen.

Eine Schwäche der Studie ist, dass kein Placebo verabreicht wurde. Daher wussten alle Patienten, dass sie einen halluzinogenen Stoff einnahmen und erhofften sich daher Linderung ihrer Symptome, was zu einem gefühlt positiven Ergebnis geführt haben könnte.

„Die Studie unterstützt unsere Hypothese, dass Psilocybin antidepressives Potential hat“, sagt Krähenmann. „Wir müssen weitere Studien mit mehr Probanden abwarten, bevor sich der Stoff als Therapeutikum durchsetzen kann.“ Noch ist Psilocybin in den meisten Ländern verboten. Das Imperial College in London brauchte 32 Monate, um alle Genehmigungen durch die britischen Behörden für die Studie zu bekommen. Auch die Kosten für eine Dosis liegen derzeit noch bei 1500 Pfund.