Fünf Jahre ohne Lachen

Christian Weber steht auf einem Gebirgsweg. Hinter ihm liegen die Scherben seines Lebens. Vor ihm Unsicherheit. Drei Jahre kämpfte er gegen seine Depressionen. Heute ist die Krankheit sein stiller Begleiter.

VON NADINE CIBU

Mit seiner rechten Hand streicht Christian Weber* über den Pferderücken. Das Tier schnaubt ruhig. Es drückt seinen schweren Körper behutsam gegen den braunhaarigen Mann. Minutenlang verharren beide. Christian steht einfach nur bei seinem Pferd. Ohne sich zu bewegen. Rocky nennt er ihn. Sein Fels. Der Gedanke an Rocky hat ihn damals gerettet.

Lange Zeit kämpfte Christian Weber mit seinen Depressionen. Ein Kampf, den er fast verloren hätte. Seine braunen Augen füllen sich mit Tränen. „Man schaut sich im Spiegel an und erkennt sich nicht mehr“, sagt er. Vor vier Jahren bekam er die Diagnose: schwere Depression. Damals wollte er es nicht glauben. Selbst als der Psychiater ihm Medikamente verordnete. Es sei ein langer Prozess gewesen, sich die Krankheit einzugestehen.

Stephen Aita, Facharzt für psychotherapeutische Medizin, kennt diesen Prozess. „Männer nehmen oft erst Hilfe in Anspruch, wenn die Suizidgedanken schon sehr ausgeprägt sind“, sagt er. Viele kämen erst bei einer schweren Depression in die Behandlung. Aita macht sich oft Gedanken darüber, wie ihnen besser geholfen werden kann, wie Suizidversuche verhindert werden können.

„Den zehnten Baum nimmst du mit“

Auch Weber kam zu diesem Moment. Zu dem Zeitpunkt nahm er das erste Mal Antidepressiva. Die Tabletten verstärkten seine Suizidgedanken. Der Arzt habe ihn auf diese Nebenwirkungen nicht ausreichend hingewiesen.

Nach einem anstrengenden Arbeitstag fuhr er nach Hause. Es war neun Uhr abends. Er wusste, dass seine Frau Sabine* im Nachtdienst arbeitete. Sie würde nichts mitbekommen. Wie üblich zählte er die Bäume am Straßenrand. Schon lange hatte er sich überlegt, dass er sein Leben beenden möchte. „Gegen den zehnten fährst du“, dachte er oft. Bis zu diesem Abend waren es noch schwarze Gedanken.

Weber beschleunigte. Im Dunkeln fokussierte er den Baum. „Diesmal nehme ich ihn mit“, dachte er. Plötzlich sah er sein Pferd Rocky vor sich. Er riss das Lenkrad nach rechts und raste in den Acker.

Weber weinte. Das erste Mal nach vielen Wochen kamen ihm wieder Tränen. Vier Stunden blieb er im Auto sitzen, bis er zu seinem Pferd fuhr. Weber lehnte neben Rocky. Seite an Seite. Danach wischte er sich die Tränen vom Gesicht und ging Arbeiten.

„Wenn du eins lernst, dann ist es zu schauspielern“

Weber erkannte seine Krankheit nicht. Drei Jahre lang verschloss er sich vor der Wirklichkeit. Die Gefühle, die in ihm rumorten, verdrängte er. „Du kommst an einen Punkt, an dem du gar nichts mehr fühlst“, sagt er.

Weber hatte Angst, sich mit seinen Problemen auseinandersetzen. Tagsüber flüchtete er sich in die Arbeit, abends in Computerspiele. Viele Nächte zockte er durch. Seine Frau bemerkte seine Sucht zu spät. Oft habe sie ihn gefragt, ob es ihm gut gehe. Doch Weber blockte. „Er hat nicht mit mir geredet“, sagt sie, „Passt schon, war immer seine Antwort.“

Jedes Wochenende war für Weber ein Horrortrip. Keine Arbeit, keine Computerspiele. Vor seiner Frau versuchte er, die Sucht zu verbergen. Er musste eine Maske tragen, um seine Gefühle zu verstecken. „Wenn du eins lernst, dann ist es zu schauspielern“, sagt er, „Die gewünschte Fassade aufrechtzuerhalten.“

Stephen Aita bezeichnet dieses Verhalten als eine Art innere Emigration. „Viele Männer ziehen sich eher zurück. Sie suchen sich einen Zufluchtsort. Der dann zu ihrem nächsten Problem wird“, sagt er.

Die Computerspiele waren es bei Christian Weber. Von seiner Frau und ihrem gemeinsamen Leben entfernte er sich. „Christian war eine Hülle. Körperlich anwesend, aber geistig verschwunden. Er war in einer anderen Welt“, erzählt Sabine Weber.

Erst als alle Säulen in seinem Leben anfingen zu bröckeln, bemerkte Weber, dass etwas nicht stimmte. „Du wirst deine Ziele nie erreichen“, dachte er damals. Die Beförderung schien aussichtslos, seine Ehe verwandelte sich in eine stille Koexistenz. Weber sah vor sich einen Haufen Scherben, die er nicht mehr zusammenkleben konnte.

Bei Stephen Aitas männlichen Patienten sind oft klassische Lebensereignisse der Auslöser für Depressionen. „Probleme in der Ehe, kein Erfolg im Beruf. Das sind einschneidende Erlebnisse, die für einen Mann nur schwer zu kompensieren sind“, sagt er.

Christian Weber* Foto: privat

Christian Weber* und sein Pferd Rocky. Foto: privat

Hilfeschrei

Mit seiner kräftigen Hand umschlang Weber den Griff eines Messers. An der Spitze klebte Blut. Er wollte Druck ablassen. Als er sich weiter die Hand aufritzte, überkam ihn ein gutes Gefühlt. Er lebte. Denn Schmerz konnte er noch empfinden.

Seine Frau lief in die Küche. Für einen Moment schaute sie ihren Mann an. Dann drehte sie sich um und ging.

Heute sagt Weber, dass es die beste Reaktion gewesen sei. Sie habe ihn einfach stehengelassen. Eigentlich wollte er Mitleid. „Da ist mir die Kinnlade auf den Tisch gefallen, als meine Frau nicht reagiert hat“, sagt er. „Es war ein Hilfeschrei, der nicht angenommen wurde.“

Zwischen Christian Weber und seiner Frau gab es keine Diskussionen mehr. Bis dahin hatte sie ihm immer wieder gesagt, dass er sich Hilfe holen soll. Doch Weber musste die Entscheidung alleine treffen. Als seine Frau ihm keine Beachtung mehr schenkte, gestand er sich ein: Ich brauche Hilfe.

Vier Wochen lang nahm er Tabletten und ging in die Psychotherapie. Er habe sich wie ein Zombie gefühlt, sagt er. Das Gespür für seinen Körper verloren. Er funktionierte nur noch. Vor seinen Kollegen verhielt er sich freundlich, versuchte zu lachen. Doch den Mann, den er jeden Tag im Spiegel sah, erkannte er nicht mehr. Bei Gesprächen stand er oft neben sich und dachte: „Was machst du eigentlich? Wer ist das?“

Auch vor dem Therapeuten schauspielerte er. Die Angst war zu groß, Dinge hervorzuholen, die tief in ihm vergraben waren. „Ich habe mich über Jahre zum Meister im Verdrängen entwickelt“, sagt er. Vier Wochen schwebte er in seiner eigenen Hölle. Die harten Gedanken überrollten ihn. „Eigentlich kannst du Schluss machen, es wird sowieso nicht besser“, dachte er. Täglich plante er seinen Selbstmord: Nehme ich ein Messer? Nein, die Schmerzen sind zu heftig. Hänge ich mich auf? Nein, am Ende klappt es nicht und ich hänge Stunden am Strick. Wenn, dann muss es schnell gehen.

An jenem Abend war er fest entschlossen: Heute prallt er mit seinem Auto gegen einen Baum. Dann rettete der Gedanke an sein Pferd Rocky ihm das Leben. Wenn Weber sterben würde, müsste Rocky leiden. Das war sein letzter Halt.

Zurück in den Körper

Christian Weber sitzt in einer Schwitzhütte. Ein Holziglu, gebogen aus dicken Ästen. Auf dem Boden hocken 15 weitere Teilnehmer. Sie singen, reden über ihre Probleme. Jede Stunde werden aufgeheizte Steine in die Hütte gelegt. Es wird immer heißer. Jetzt redet keiner mehr. Weber möchte es schaffen. Er denkt nicht mehr. Er möchte es nur noch durchstehen. Seine Probleme schwitzt er raus, langsam kann er wieder atmen. Nach vier Stunden ist das Ritual zu Ende. Auf allen Vieren kriecht er aus der Hütte. Er lacht. Aufrichtig. Das erste Mal seit fünf Jahren.

Seit seinem Selbstmordversuch nimmt Weber keine Tabletten mehr. Er wandte sich an eine Heilpraktikerin. Diese hatte ihn in das Thema Schamanismus eingeführt. Dadurch kam Weber zur Schwitzhütte.

Eigentlich war spirituelle Heilung für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. So erzogen ihn seine Eltern. Oft haben sie zu ihm gesagt: Ein Mann weint nicht. Ein Mann löst seine Probleme selbst. „Trotzdem hat irgendetwas tief in mir gekitzelt“, sagt er, „Ich hatte sowieso nichts mehr zu verlieren. Nur noch zu gewinnen.“

Über ein Jahr nimmt er an verschiedenen Seminaren teil. Hilfe zur Selbsthilfe, nennt er es. Mit den Gruppenmitgliedern teilte er seine Probleme. Er konnte wieder fühlen. Wenn ihm jemand eine Geschichte erzählte, berührte es ihn. Durch die Rituale konnte er sich wieder auf seinen Körper besinnen. „Stecke ich mal wieder in meinen schwarzen Gedanken fest, gehe ich in die Natur“, sagt er, „Dadurch finde ich zurück in meinen Körper.“

Der schmale Grat

Weber hat gelernt zu weinen. Er will nie wieder die Gefühlslosigkeit zulassen. Wenn er innerlich zusammenbricht, setzt er sich oft alleine in einen Raum und weint. Auch die Suizidgedanken kommen und gehen. „Doch mittlerweile habe ich sie im Griff“, sagt er.

Durch die spirituellen Rituale konnte er sich auch seiner Frau gegenüber öffnen. Zumindest ein Stück. Beide sind sich einig, dass die schwere Depression ein wichtiges Kapitel war. Dass sie ohne die Krankheit nicht an diesen Punkt in ihrem Leben gekommen wären. Heute führen sie eine zweite Ehe. Doch die Angst vor den Depressionen wird bei beiden bleiben.

Weber blickt auf den Boden. Seine Finger drückt er fest in seinen Handballen. Er atmet tief aus. „Es ist, als würdest du einen schmalen Grat langgehen“, sagt er. „Hinter dir ist alles weggebrochen. Und vor dir klebt eine dichte Nebelsuppe. Du weißt nicht, wo du den nächsten Fuß hinsetzt. Du weißt nicht, ob du wieder abstürzt.“

*Namen geändert