Gegen das Stigma

Depressionen sind in der Arbeitswelt ein heikles Thema. Viele trauen sich nicht, mit ihrer Krankheit offen umzugehen – aus Angst vor Misstrauen und Missverständnissen. Gerade im Hochleistungssektor existiert dieses Problem. Es braucht dringend Aufklärung, um Kollegen und Vorgesetzte für das Thema zu sensibilisieren.

KOMMENTAR VON LUKAS SCHÖNE

Depression ist eine Krankheit. Als der damalige Fußball-Nationaltorwart Robert Enke im Jahr 2009 seinem Leben ein Ende setzte, schien diese Gewissheit die allgemeine Öffentlichkeit zu erreichen. Depressionen sind weit verbreitet und potentiell tödlich, es gibt jedoch Therapien. Die Heilungschancen sind in der Regel gut. Endlich wurde über Depressionen als das geredet, was sie sind: eine Krankheit. Medien, Politiker und Fans forderten nach Enkes Tod einen offeneren Umgang mit dem Thema.

Doch längst sind die alten Muster in die Köpfe zurückgekehrt. Depressionen gelten als persönliche Schwäche, sind daher ein Tabuthema – vor allem in Jobs, bei denen es um viel Geld, Macht und öffentliche Aufmerksamkeit geht. Zwar tritt die Erkrankung in diesen Bereichen nicht häufiger auf als in anderen, doch die Betroffenen haben größere Angst vor dem Misstrauen, das ihnen entgegenschlagen könnte. Ein Manager fürchtet, seine Position zu verlieren, ein Fußballer seinen Marktwert, ein Chef den Respekt seiner Angestellten. Deshalb verheimlichen sie ihre Krankheit und versuchen, irgendwie weiter zu machen. Das ist gefährlich. In dieser Verhaltensweise zeigt sich ein allgemeines gesellschaftliches Problem: Leistung steht über Gesundheit, Krankheit gilt als Schwäche. Viele Berufstätige schleppen sich krank zur Arbeit, aus Angst vor dem Jobverlust. Das ist bei Depressionen nicht anders. Ein offener Umgang mit Depression, sollte daher in der Gesellschaft als ein Zeichen der Stärke gesehen werden.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen für das Thema sensibilisiert werden. Dazu gehört auch die Notwendigkeit, klarzumachen, dass ein Mensch nach erfolgreicher Therapie in der Lage ist, in seinen alten Job zurückzukehren. Wie bei anderen überstandenen Krankheiten auch. Einem Betroffenen auf ewig das Stigma „depressiv“ zu verpassen, entbehrt jeder Grundlage.

Foto: Elge Kenneweg / Felix Nussbaumer

Depressionen sind in der Arbeitswelt ein Tabuthema. Für viele Betroffene ist das ein großes Problem. Foto: Elge Kenneweg / Felix Nussbaumer

Depressionen können jeden treffen und sind meist keine unmittelbare Folge von Stress oder Leistungsdruck im Job. Der oft zitierte Satz „Mir geht es doch auch nicht gut, der soll sich mal nicht so anstellen“, muss unbedingt der Vergangenheit angehören. Hier sind Medien, Politik und Unternehmen in der Pflicht. Das Bundesgesundheitsministerium muss das Thema in Zusammenarbeit mit Arbeitgebern und Gewerkschaften mehr in den Fokus rücken – medial und mit Aufklärungskampagnen in Schulen oder Universitäten.

Unternehmen brauchen interne Anlaufstellen, an die sich Betroffene, aber auch Mitarbeiter und Vorgesetzte wenden können, wenn sie eine tiefgreifende Veränderung bei einem Kollegen feststellen oder unsicher im Umgang mit Depressiven sind. Außerdem sollten Arbeitnehmer in verpflichtenden Seminaren über das Thema aufgeklärt werden. Denn oft sind die Reaktionen gegenüber einem Erkrankten am Arbeitsplatz falsch: Aus Unwissenheit wird ihm suggeriert, durch eine Änderung der Lebensumstände sei seine Depressionen zu vermeiden. Oft erhalten Depressive sogar den Ratschlag, die Arbeitsstelle zu wechseln. Das ist gerade zu Beginn der Krankheit das falsche Signal.

Leider werden Depressionen in vielen Teilen der Arbeitswelt nach wie vor falsch verstanden. Das hat viele Gründe, vor allem aber die fehlende Einsicht der Gesellschaft, dass es sich bei seelischen Leiden um Krankheiten handelt und die Betroffenen nicht nur übertrieben sensibel sind. Natürlich ist es die freie Entscheidung eines jeden Einzelnen, ob er seine Depression am Arbeitsplatz thematisieren will oder nicht. Doch es muss ein gesellschaftlicher Rahmen geschaffen werden, in dem Betroffene ohne Angst vor Stigmata offen sprechen können. Denn: Sie sind schlicht und ergreifend krank. Diese Erkenntnis muss sich in der Leistungsgesellschaft endlich durchsetzen.