„Ich entschied mich zum Bleiben“

Anne M.* leidet seit fünf Jahren an Depressionen.

Redaktion

Die Depression ist für mich zu einer unerwünschten Lebensbegleiterin geworden. Inzwischen kennen wir uns ganz gut. Wenn Symptome auftreten, kann ich sie einordnen und gelassen bleiben, weil ich weiß, wie ich mich dann am besten verhalte. Auch wenn die immer wieder wechselnden Symptome mich einschränken, worüber ich mich immer wieder ärgere, bekämpfe ich sie nicht, sondern nehme sie wahr. Der Leitgedanke ist immer: „Was kann ich tun, damit ich mich wohler fühle?“

Starke psychosomatische Symptome habe ich seit circa fünf Jahren. Sie sind schleichend stärker geworden. Schon damals hat mich die Frage „Was kann ich tun, damit es mir besser geht?“ permanent begleitet. Parallel zu meinem Studium habe ich viel Ausdauersport getrieben, weil es mir gut tat. Auf vielfältige Art und Weise habe ich in meiner Freizeit darauf geachtet, dass ich genügend Ausgleich zu meinem Studium hatte, das mir viel Freude bereitet hat. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit meinem Leben sehr zufrieden.

Die Prüfungsphase am Semesterende brachte dann das berühmte Fass zum Überlaufen. Am Morgen einer mündlichen Prüfung wachte ich mit starkem Hörverlust auf. Das war schließlich der Gau, der mich zum Handeln zwang. Ich ging unmittelbar zu meiner Ärztin, um mich behandeln zu lassen und mir ein Attest ausstellen zu lassen. Ich erinnerte mich auch an das Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling, der sich auch wegen eines Hörsturzes auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela gemacht hatte. Sollte ich nun auch meine Sachen packen und alles hinter mir lassen? Ich entschied, zu bleiben – jedenfalls aus geografischer Perspektive.

Mein Hörvermögen kam, Gott sei Dank, nach wenigen Tagen vollständig zurück. Allerdings verstärkten sich andere Symptome zunehmend. Ich war permanent übermüdet und kleinste Anstrengungen brachten mich an meine physischen Grenzen, so dass ich studier- und arbeitsunfähig war. Meine Gemütslage war äußerst labil. Schließlich musste ich feststellen, dass ich aus dieser deprimierenden Situation alleine nicht heraus kam. Umgehend suchte ich Kontakt zu einer Psychotherapeutin und Psychiaterin, die mich angemessen behandelten. Obwohl ich von der Kompetenz der Fachkräfte überzeugt war, dauerte es sehr lange, bis es mir besser ging. Ohne die liebevolle Zuwendung meiner Freundinnen hätte ich die vergangenen fünf Jahre nicht durchstehen können.

Darüber hinaus hatte ich das große Glück, meinen heutigen Mann kennen und lieben zu lernen. Mit meiner Krankheit bin ich meinem Mann gegenüber immer sehr offen umgegangen. Einen anderen Weg sah ich für mich nicht, um eine vertrauensvolle Beziehung leben zu können. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass diese Einstellung für mich Gold wert war.
Heute sehe ich mich als eine talentierte und liebenswerte junge Frau, die besondere Bedürfnisse hat. Obwohl ich meine Einschränkungen immer wieder bemerke und unter starken psychosomatischen Symptomen leide, bin ich dankbar für die Möglichkeiten, die mir mein Leben bietet. In meine Zukunft schaue ich hoffnungsvoll.

*Name geändert

→ zurück zum Mosaik