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Depressionen gelten als Volkskrankheit. Dennoch haben viele Menschen den Eindruck, mit schwierigen Gefühlen allein zu sein. Welche Verantwortung Arbeitswelt und Gesellschaft tragen.

VON DANIELA GASSMANN

Die kleine Schwester umbringen, die unten im Stockbett liegt. Dieser Drang überkam sie jede Nacht. Damals war die Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro 13 Jahre alt. Verstehen konnte sie ihren Gedanken selbst nicht, wo sie ihre Schwester doch liebte und ihr niemals etwas angetan hätte.

Gefühle wie Munros haben in der modernen Gesellschaft keinen Platz. Menschen müssen funktionieren und lächeln. Die Arbeit außerhalb des Zuhauses macht einen großen Teil des Lebens aus. In diesem Kontext gibt es viele Rollenanforderungen, die zu erfüllen sind: ein fester Händedruck, Professionalität und ein berufsabhängiges Vokabular. Auch nach Feierabend definieren sich viele über ihre Erfolge. Ich bin Arzt, sagen sie. Ich bin Mechatroniker oder Manager. Als würde der Job den Mensch ausmachen.

Zu Hause lassen sich ältere Generationen vom Fernsehen berieseln, warten auf den nächsten Urlaub: all inclusive oder mit extra viel Programm. Die Jungen toben sich aus, gehen mehrmals in der Woche feiern. „Feiern“ impliziert bereits, dass Spaß haben zur Pflicht wird. Dafür trinken viele Bier oder Gin Tonic, bis sie sich vom Alltag lösen. Bis sie das Morgen vergessen – vielleicht sogar sich selbst.

Mit Spielkonsolen, Vergnügungsparks und Serien bietet die Freizeitindustrie Menschen aller Altersstufen permanente Bespaßung. Die Gesellschaft nimmt dieses Angebot dankend an. Und erklärt Heiterkeit zum Standard der Gemütszustände.

Niemand steht auf und singt

Die Schriftstellerin Munro kannte als Mädchen auch andere Gefühle. Dafür schämte sie sich. Immer wenn sie aufwachte und wieder den Drang spürte, ihre kleine Schwester umzubringen, schlich sie hinaus. Schloss die Haustür hinter sich und verschwand im Wald. Wenn kein Mensch in der Nähe war, der sie mit ihren schlimmen Gedanken erwischen konnte, fühlte sie sich sicher.

Das Verstecken war für Munro so wichtig, weil ihr Empfinden von der Norm abwich. Soziologen sehen die Leistung der Gesellschaft darin, Verhalten erwartbar zu machen. Sie entwickelt für jeden Kontext eine eigene Logik. Beispielsweise funktionieren in der Arbeitswelt nur bestimmte Verhaltensweisen. Andere nicht. Würde jemand am Schreibtisch laut singen, wäre das irritierend. Menschen werden mit diesen Logiken sozialisiert und halten sich im Erwachsenenalter an sie, ohne sich dessen bewusst zu sein. Zusammenkünfte laufen dadurch reibungslos. Problematisch ist allerdings, dass der sozial verträgliche Rahmen der modernen Gesellschaft eine menschliche Seite ausgrenzt: das Traurige, das Bösartige, das vermeintlich Schwache.

Zeigen lässt sich das am Umgang mit Trauer. Das Klassifikationssystem der Nordamerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft lässt offen, nach dem Verlust eines geliebten Menschen bestimmte Symptome als Depression einzustufen. Darunter Niedergeschlagenheit, sozialer Rückzug und Schlafstörungen. Natürlich erst, wenn eine gewisse Zeit seit dem Verlust vergangen ist. Nämlich zwei Wochen. Diese Frist verkennt, dass Trauer ein langer Prozess ist. Dass sie ein Teil der Gesellschaft ist.

Das gefährliche Unbewusste

Wenn Zustände jenseits der Glückseligkeit als unnormal gelten, werden natürliche Emotionen pathologisiert. Menschen bekommen den falschen Eindruck, mit ihrer Traurigkeit und ihren Ängsten allein auf der Welt zu sein. Sie versuchen, so zu sein, wie es die Gesellschaft vorgibt. Ihre schwierigen Gefühle unterdrücken sie. Sie zerlegen ihre Persönlichkeit in Teile – und verstecken das Traurige, Bösartige, vermeintlich Schwache. Die Schwachpunkte verwandeln sich in ein gefährliches Unbewusstes, sodass sich ein Mensch mit der Zeit nicht einmal mehr selbst verstehen kann. Damit ist der perfekte Nährboden für eine Depression geschaffen.

Munro wollte ihr Geheimnis ebenfalls bewahren und sich eines Nachts im Stillen zurück ins Haus schleichen. Doch ihr Vater hatte bemerkt, dass der obere Platz im Stockbett leer war. Auf der Veranda wartete er auf seine Tochter. Gegen vier Uhr kam sie aus der Dunkelheit auf ihn zu. Er fragte, was los sei. Munro erzählte ihm alles. Daraufhin sagte ihr Vater nicht „Wie kannst du nur?“ oder „Schäm dich“. Stattdessen zeigte er das Verständnis, das in der Gesellschaft fehlt. „Menschen haben manchmal solche Gedanken“, antwortete er.

71 Jahre später spricht Munro in Interviews offen über die düsteren Gedanken, die sie nachts überfielen. Die Reaktion ihres Vaters, sagt sie, habe die Wirkung einer Therapie gehabt. Bald darauf verschwand ihr Drang, die kleine Schwester umbringen zu wollen.

Natürlich sind Depressionen mehr als ein bösartiger Gedanke, mehr als manchmal traurig zu sein. Sie sind eine Krankheit, basierend auf neurologischen Vorgängen. Doch es wäre falsch, zwischen Körper und Psyche zu trennen. Dazu ist der Mensch viel zu komplex. Was innerhalb des Organismus passiert, wirkt sich auf die Psyche aus. Die Psyche wiederum beeinflusst das körperliche Empfinden. Für Bauchschmerzen wie Depressionen gilt: Gesundheit und Krankheit sind immer ein Zusammenspiel aus beidem. Genauso wie das Innere einer Person aus vielen Teilen besteht.

Wenn diese Teile gleichberechtigt in der Gesellschaft existieren dürfen, werden Depressionen zwar nicht verschwinden. Aber vielen Menschen würde das beim Umgang mit der Krankheit helfen.