„Sie liegt wie Blei auf mir“

Tobi Katze ist Buchautor, Blogger, Poetry-Slammer – und depressiv. In seinen Texten spricht er offen über seine Krankheit. Ein Gespräch darüber, wann Humor weiterhilft und wie die Medien mit den Klischees brechen können.

INTERVIEW VON MICHAELA SCHWINN

DJS: Herr Katze, was ist Ihre Depression für Sie?

Tobi Katze: Sie ist schwer und bedrückend. Sie liegt wie Blei auf mir. Sie ist Gewicht, das ich mit mir herumtrage.

Viele Betroffene haben Angst, über ihre Krankheit zu sprechen. Sie haben sich entschlossen, mit Ihrer Depression an die Öffentlichkeit zu treten. Warum?

Am Heiligabend vor drei Jahren hat sich eine Freundin von mir das Leben genommen. Das war in unserem Freundeskreis ein ziemlicher Schock. Ich stellte mir damals die Frage, ob es ihr geholfen hätte, offener mit ihrer Depression umzugehen. Jetzt kann ich sie nicht mehr retten. Aber vielleicht machen meine Texte es anderen leichter, zu der Krankheit zu stehen.

Würden Sie Betroffenen also raten, sich zu outen?

Es ist schwierig, dazu Ratschläge zu geben. Ich habe den Luxus, selbstständig zu sein. Ich bin mein eigener Chef. Meine Familie und Freunde sind sehr verständnisvoll. Meine Erfahrung ist, dass Leute positiver reagieren, als man erwartet. Aber gerade im Arbeitsumfeld würde ich zu Vorsicht raten. Jeder sollte das tun, was sich in dem Moment richtig anfühlt. Es ist ein Schritt, der sehr erleichternd ist, aber auch Konsequenzen hat. Man muss bereit sein, diese zu tragen.

Ihr Blog löste viele Reaktionen aus. Haben Sie damit gerechnet?

Ursprünglich war mein Blog als Befreiungsschlag in meinem Bekanntenkreis gedacht. Ich wollte ein Bewusstsein für meine Krankheit schaffen. Dass ich damit deutschlandweit bekannt werde, hätte ich nicht erwartet. Plötzlich bekam ich viele E-Mails und führte mein erstes Telefoninterview auf einem Autobahnparkplatz. Dann fragte mich der Stern, ob ich meinen Blog auf ihrer Seite weiterschreiben wolle.

Wer wusste vorher von Ihrer Krankheit?

Im privaten Umfeld wussten die meisten, dass ich depressiv bin. Meine Texte sollten kein privates Outing sein. Es war mir wichtig, dass in meiner Familie und meinem Freundeskreis vorher alles klar war.

Damals haben Sie Urlaube erfunden, wenn es Ihnen schlecht ging.

Ja, früher habe ich oft nicht die Wahrheit gesagt. Ein Urlaub ist eine prima Ausrede, um nicht aus dem Haus oder ans Telefon gehen zu müssen. Dabei ging es nicht darum, dass ich niemandem von meiner Krankheit erzählen wollte. Wenn es mir schlecht ging, wollte ich in Ruhe gelassen werden. Ich wusste nicht anders damit umzugehen.

Was machen Sie heute, wenn es Ihnen schlecht geht?

Ich gehe einfach nicht ans Telefon, habe aber keine Ausreden mehr dafür. Dieses Inszenieren von Urlauben ist passé. Ich kann in meinem privaten Umfeld einfach sagen, dass es mir gerade nicht gut geht und ich ein paar Tage Ruhe brauche. Das ist kein Problem mehr.

Inwiefern haben Ihnen der Blog und das Buch geholfen, mit der Krankheit umzugehen?

Gar nicht. Meine Texte sind kein Therapieersatz. Alles, was darin steht, habe ich bereits für mich geklärt. Für mich war die oberste Prämisse, die Leser nicht an meinem Genesungsprozess teilnehmen zu lassen. Es ging nicht darum, öffentlich krank zu sein, sondern Menschen mitzuteilen, wie es sich anfühlt.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Es gibt immer noch wahnsinnig viele Missverständnisse über die Krankheit. Es existiert ein unheimlich großes Stigma, was psychische Krankheiten betrifft. Sie sind nicht nachvollziehbar für Menschen, die sich damit nicht beschäftigen. Depressive wirken nach außen wehleidig und faul. Wenn man diese Vorwürfe hört, ist das wahnsinnig verletzend. Für Menschen mit solchen Vorurteilen habe ich den Blog gemacht.

Ihr Roman ist sehr humorvoll. Kann das den Zugang zu der Krankheit erleichtern?

Wenn das Thema mit Humor präsentiert wird, trauen sich Außenstehende eher an das Thema heran. Ein lockerer Umgang schreckt weniger von der Krankheit ab als öffentliches Leiden. Mir ist es beruflich möglich, meine Depression in Humor zu verpacken.

Hilft Humor auch den Betroffenen selbst, ihre Krankheit besser zu verkraften?

Auf jeden Fall. Wenn man in der Lage ist, die wahrgenommenen Schwächen der Depression mit Humor zu betrachten, hat das etwas sehr Liebevolles. Man muss sich nicht selber auslachen, aber man kann über das eigene Verhalten schmunzeln. Eine Krankheit sollte nicht verharmlost werden. Es ist eine schlimme Geschichte das darf niemals vergessen werden. Aber sie manchmal mit einer heiteren Gelassenheit zu nehmen, kann nicht schaden.

Erwarten Betroffene im Gegenzug von Angehörigen und Ausstehenden, dass sie die Krankheit humorvoller nehmen?

Es ist schwer zu sagen, inwieweit Humor in einer bestimmten Situation angemessen und wann er verletzend ist. Besonders Außenstehende haben Probleme damit, zu erkennen, wie weit sie bei einem Betroffenen gehen dürfen. Ein liebevoller Umgang ist da wohl eher förderlich. In Phasen, in denen es dem Erkrankten gut geht, kann man aber durchaus mit Humor darüber sprechen.

Sie sagen, Ihre Texte sind keine Therapie. Aber hilft Ihnen Kreativität dabei, Depressionen besser zu verarbeiten?

Ich glaube, jeder braucht ein Ventil. Das kann Sport sein oder eben Kreativität. Sie ist als Ventil sehr gut geeignet, um nach außen zu lassen, was in einem rumort. Kreativität ist etwas, das man ohne große Vorbereitung machen kann. Jeder kann Texte aufschreiben oder ein Bild malen. Ich habe meine Krankheit in Worte gefasst. Dadurch hat sie ein wenig an Schrecken verloren.

Sie haben selbst nicht viel Ablehnung wegen ihrer Krankheit erlebt. Trotzdem fühlen Sie sich stigmatisiert.

Ich hatte ganz lange Angst vor der Ablehnung und wusste, dass bestimmte Stigmata in der Gesellschaft existieren. Dadurch habe ich mich nicht getraut, offen zu sprechen. Das hat mich gebremst, bis ich das Thema auf den Tisch gelegt habe. Ich habe zum Glück keine Ablehnung erfahren. Viele Menschen begegnen aber immer noch Vorurteilen.

Wie können diese Stigmata aufgelöst werden?

Wir sind auf einem guten Weg. Depression wird öfter thematisiert. Aber es braucht Zeit. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre, wenn die Medien auf klassische Symbolbilder verzichten würden. Es wird oft die arme kleine Frau abgebildet, die mit angezogenen Knien in der Ecke sitzt. Depression hat nichts mit Trauer zu tun. Depression heißt auch lachende Gesichter und fröhliche Menschen.