Die Sorgen der Anderen

Angst, Depression, Trauma, Persönlichkeitsstörung ­– Psychotherapeuten bringen Gedanken und Gefühle ihrer Patienten wieder ins Gleichgewicht. Ihr Berufsalltag zwischen Erfolg und Rückschlägen, Emotionen anderer und der eigenen Sensibilität kann zur Belastung werden. Ein Besuch in einer psychiatrischen Klinik.

VON JULIA VIEGENER

Dunkle Wolken spiegeln sich in den Pfützen vor dem Zentralklinikum Wasserburg. Der graue Morgen trübt die freundliche Atmosphäre der Anlage. Grünflächen, Kunstskulpturen, Blümchen-Beete. Dazwischen verbinden Wege die Stationen und Therapiezentren mit dem Verwaltungsgebäude, dem Festsaal, der Cafeteria, Werkstätten und dem Dorfladen. In der PSO 1, einem rot verklinkerten Haus mit weißen Fensterläden, findet gerade die Visite statt.

Das Klinikum besteht aus 33 Krankenstationen. Foto: Julia Viegener

Die PSO 1 ist eine von fünf Stationen für Psychotherapie und Psychosomatik im kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg am Inn. Neben einer geschützten Station für Patienten in akuten Krisen gibt es vier offene PSO-Stationen mit eigenen Schwerpunkten: Persönlichkeitsstörung, Depression, Angst, Trauma. Oberarzt Niels-Christian Köstner geht bei der Visite in der PSO 1 nicht von Zimmer zu Zimmer. Hier trägt niemand einen Schlafanzug oder liegt im Bett. Seine Patienten kommen in den Gruppenraum. Psychiatrie soll Normalität und Alltag schaffen.

Unter den Schritten der Patienten knarrt das polierte Parkett. Trotz Regen durchflutet das Tageslicht den Stationsflur mit den apricot-farbenen Wänden. An ein Krankenhaus erinnern nur die fahrbaren Betten. „Ich muss jetzt erst mal aufräumen und diese Schlappen ausziehen. Ich will hier nicht so gammelig herumlaufen“, sagt ein junger Patient und verschwindet in seinem Zimmer. Neben dem Türrahmen hängt ein Schild mit seinem Namen und dem seines Bettnachbarn. Die meisten der 20 Patienten auf der PSO 1 sind zwischen 18 und 25 Jahre alt. Viele von ihnen haben Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom.

Blumenstrauß Persönlichkeit

„Jeder Mensch ist zwanghaft“, sagt Köstner. Ohne diese Eigenschaft würde zum Beispiel niemand sein Studium schaffen. Jede Persönlichkeit sei narzisstisch, egozentrisch und unsicher. Sie ist wie ein bunter Blumenstrauß. Erst wenn eine Eigenschaft so stark hervorsticht, dass sie das Leben des Patienten oder seines Umfeldes beeinträchtigt, kann es sich um eine Störung handeln.

Neben Oberarzt Köstner übernehmen zwei Psychologinnen und ein Assistenzarzt die medizinische Versorgung auf der PSO 1. Verschiedene Methoden der Verhaltenstherapie sollen den Patienten helfen. Auf dem Wochenplan stehen verpflichtende Gruppentherapien wie Problemlösung, Ergotherapie und die „Blitzlicht“-Besprechung. Außerdem müssen die Patienten zwischen Aktivitäten wie Nordic-Walking, Koch-Therapie, „freiem Malen“ und Kreistanz wählen. Dazu kommen Therapiegespräche und medizinische Untersuchungen. Nach drei Wochen auf der Station wählen die Patienten selbst, ob sie bleiben wollen oder nicht. Meistens entscheiden sie sich dafür. Dann haben sie drei weitere Wochen vor sich, in denen sie lernen, ihre Krankheit zu überwinden.

Talent als Voraussetzung

Peter Zwanzger ist der ärztliche Direktor der Klinik. Er hat Post von einer ehemaligen Patientin bekommen. „Ich hoffe, Sie erinnern sich an mich. Bin zwar nicht super stabil, aber die Höhen und Tiefen habe ich im Griff“, steht da in krakeliger Schrift. Zwanzger erhält oft solche Karten. Er erinnert sich an sie und lächelt.

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Zwanzger erforscht Depression und Angststörungen. Foto: Peter Zwanzger

Obwohl er als Chefarzt der Psychiatrie und Psychosomatik mit administrativen Aufgaben und der Leitung der Klinik beschäftigt ist, wollte er nicht darauf verzichten, weiterhin zu behandeln. „Wenn man den Kontakt zu den Patienten verliert, kann man auch keine Klinik mehr leiten – davon bin ich überzeugt“, sagt er. Ein enger Kontakt zwischen Patient und Therapeut sowie den Pflegern ist wichtig, um Vertrauen zu schaffen. Ein bestimmter Therapeut führt deshalb die ganze Behandlung durch. Ein Pfleger als Bezugsperson zeigt die Station und macht den Betroffenen mit den nächsten Schritten vertraut. Im Gegensatz zu  Krankheiten wie Herzinfarkten, sind den Betroffenen psychische Erkrankungen oft völlig fremd. Dadurch entstehen große Ängste. Der Ausnahmezustand, den die Patienten erleben, kann extreme Emotionen hervorrufen. Der behandelnde Therapeut trägt eine große Verantwortung.

Nicht alle jungen Ärzte und Psychologen kommen mit dieser Belastung zurecht. Zwanzger ist überzeugt, dass man zwar vieles lernen kann, letztendlich jedoch die Veranlagung haben muss, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen. „Diesen letzten Rest kann man nicht lernen, den muss man spüren“, sagt er. „Manche haben es, manche haben es nicht.“ Auch persönliche Angriffe können die Therapeuten belasten. Der Leitspruch „Lass dich nicht von einem Kranken kränken“ soll neuen Kollegen helfen, solche Aussagen nicht an sich heranzulassen. Es ist ein Prozess, den Ärzte und Psychologen in der Praxis lernen. Aber es gibt auch Situationen, auf die sie sich nicht vorbereiten können.

Rückschläge verkraften

Suizid ist eine davon. Das ist die größte Gefahr einer Depression. Bei Erkrankten in stationärer Behandlung kommt es sehr selten vor, dass sich ein Patient das Leben nimmt. Trotzdem erlebt nahezu jeder Psychotherapeut diese Situation im Laufe seines Berufslebens. Vor etwa einem Jahr brachte sich auch in der Klinik ein Patient um. Wochenlang hatten sich Ärzte und Pfleger bemüht, dem Patienten zu helfen – ohne Erfolg. „Das sind enorme Belastungen“, sagt Zwanzger. „Damit umzugehen, kann man nicht lernen.“ Vor allem das berufliche Versagen und die Konfrontation mit dem Tod beschäftigen Therapeuten in dieser Situation.

Zwanzger kann sich noch gut an einen seiner ersten Patienten erinnern. Seit Monaten war er schon in Behandlung, doch seine Depression verbesserte sich nicht. Dann wechselte er an die Uni-Klinik. Zwanzger war zu dieser Zeit Assistenzarzt im zweiten Jahr. Der Patient: ein junger Mann, Informatik-Student, schwer zugänglich. Aber Zwanzger hatte das Gefühl, zu ihm durchzudringen. Er führte viele Gespräche, gab ihm Medikamente. Dem Mann ging es bald besser, konnte wieder alleine draußen sein. Dann war der Patient zum ersten Mal über das Wochenende zu Hause. Montags bei der Visite war noch alles gut. Am Dienstag ging es ihm etwas schlechter. In derselben Nacht beging er Selbstmord.

Zwanzger war als Assistenzarzt nicht allein für ihn verantwortlich. Trotzdem hinterfragte er seine Arbeit. Hätte ich doch etwas machen können? „Wenn man sicher weiß, dass man alles in seiner Macht stehende getan hat“, sagt Oberarzt Köstner „dann kommt man damit zurecht“. So sah es auch Zwanzger damals.

Foto: Julia Viegener

Auf der PSO2 werden Depressionen behandelt. Foto: Julia Viegener

Unterstützung im Kollegenkreis

Psychiater sind in der Regel feinfühliger als andere Ärzte. Ihre Empfindsamkeit für emotionale Situationen ist in diesem Beruf notwendig. Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 hat fast die Hälfte aller befragten Psychiater und Psychologen bereits selbst depressive Phasen erlebt. Ausbildung und Berufspraxis schulen die Sensibilität junge Psychiater und Psychologen. Diese kann aber auch verletzlich machen und zu einer starken emotionalen Belastung führen. Psychotherapeuten müssen die Risiken erkennen und steuern. Darauf sollte auch die Ausbildung vorbereiten. Studenten bemängeln, dass sie dies bisher nicht tut.

Im kbo-Inn-Salzach-Klinikum steht ein System aus Ersthelfern bereit, das bei Krisenereignissen oder Überforderung von Mitarbeitern hilft. Eine Notfall-Hotline ist Tag und Nacht besetzt, Psychotherapeuten bieten auch kurzfristig Termine an. In schwierigen Situationen unterstützen sich Kollegen gegenseitig. In vielen Städten finden sich Ärzte zu „Intervisionszirkeln“ zusammen, um über Erfahrungen aus dem Berufsalltag zu sprechen. Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater, schätzt den Beruf des Psychiaters nicht als außergewöhnlich belastend ein. Vielmehr stünden alle Ärzte unter einem gewissen Druck. „Das liegt an der Anforderung, immer verfügbar zu sein und genau wissen zu müssen, was der Patient braucht und will, auch wenn er es nicht sagt.“ Daher ist es vor allem wichtig, Arbeit und Freizeit klar zu trennen. Dazu gehören auch individuelle Methoden zur Entspannung. Zwanzger hört Musik, macht Sport, verbringt Zeit mit seiner Familie.

Motiviert durch Erfolge

Es sind vor allem die schwierigen Fälle, an die sich Zwanzger und die anderen Psychotherapeuten erinnern. Fest verankert hat sich aber auch die erfolgreiche Geschichte eines älteren Patienten mit schweren Depressionen. Seit dem Tod seiner Frau lebte der 70-Jährige allein. Dann hatte er das Gefühl, dass sein Vermieter ihm sein Zuhause wegnehmen will. Der Mann dachte, dass vom Teppichboden gefährliche Dämpfe aufsteigen würden. Er war verzweifelt, litt unter schweren Schlafstörungen und hielt wahnhaft an diesem Gedanken fest. „Wir haben ihn bilderbuchmäßig behandelt“, erinnert sich Zwanzger. „Es wurde Tag für Tag besser. Das war der Hammer!“ Nach drei Wochen konnte der Mann seine Angst selbst nicht mehr verstehen. „Das mit dem Teppich war Quatsch“, sagte er am Ende der Therapie. „Lassen Sie uns nie mehr darüber reden!“

Diese Erfolge sind es, die Psychiater und Psychologen motivieren. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn ein Mensch wieder lacht“, sagt Zwanzger. Eigentlich wollte er immer Haus- oder Landarzt werden. Aber dann hat er im Studium sein Interesse für die Psychiatrie entdeckt. „Die einzigartige Gedankenwelt jedes einzelnen Menschen fasziniert mich. Sie macht das bunte Bild der Gesellschaft aus.“ Genug Zeit für Patienten, für ihre Lebensgeschichte und ihr Schicksal – das treibt auch Köstner an. In seinem Beruf sei es wichtig, den Menschen Kraft und Sinn zu geben, ohne überengagiert zu sein. „Man darf mitfühlen, aber nicht mitleiden“, sagt er. „Wenn man selbst einbricht, ist man keine Stütze mehr.“