„Mir helfen Medikamente – das heißt, ich bin krank“

Thomas K., 24, leidet an einer bipolaren Störung.

Redaktion

Ich leide an einer bipolaren Störung Typ zwei*. Das ist der neue Begriff für manische Depression. Es wechselt bei mir alle vier Monate. In der hypomanischen Phase ist man gereizt, man hat mehr Antrieb. Nach vier Monaten, vom einem auf den anderen Tag, fällt die Stimmung ganz tief. Und bleibt da unten. Das geht leider auch vier Monate lang. In der Depression ist man so am Arsch, dass man nicht glauben kann, dass es jemals wieder besser wird.

Wenn ich hypomanisch bin, fühle ich mich relativ normal. Ich bin deutlich aktiver, will unglaublich viel gleichzeitig machen. Ich interessiere mich plötzliche für viele Dinge, manchmal entwickle ich ganz neue Leidenschaften. Zum Beispiel war ich plötzlich fasziniert von Wikingern. Dafür hab ich mich davor noch nie interessiert. Ich habe Serien, Filme, Artikel über Skandinavien gelesen. Sehr detailliert, kurz bevor es krankhaft wird. Das ist für Außenstehende sicher komisch. Die hypomanische Phase kann sehr schön sein. Zum Beispiel gehe ich mit Freunden weg, verbringe einen schönen Abend. In einer depressiven Phase wäre ich gar nicht mitgekommen. Es kann aber auch sein, dass man sich übernimmt. Man kriegt Dinge nicht gebacken, weil man alles gleichzeitig machen will. Aber insgesamt ist es für mich was Positives. Grade weil ich die Tiefphasen kenne, powere ich mich aus. Auch wenn ich körperlich total kaputt bin.

In der depressiven Phase habe ich überhaupt keinen Antrieb. Ich bekomme Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, ich bin ständig müde. Es ist ja auch eine körperliche Krankheit. Es tut weh, man fühlt sich permanent krank. Und jemand der krank ist, geht nicht vor die Tür. Als ich allein gewohnt habe, gab es Tage, an denen ich nicht aus dem Bett gestiegen bin. Ich habe vor mich hingesiecht, schlimme Gedanken gehabt. Ich habe dann keine Begeisterung mehr für Sachen, die mich davor fasziniert haben. Ich höre meine Lieblingslieder und plötzlich bedeuten sie mir gar nichts mehr. Das Schlimmste ist, dass man gar nichts fühlt. Man hat keinen Weltschmerz, man fühlt keine Trauer, man fühlt nichts mehr. Irgendwann glaubt man, vergessen zu haben, wie es sich anfühlt, was zu fühlen. Ich glaube, das ist auch der Grund dafür, warum sich viele selbst verletzen. Weil man dann wenigstens Schmerz empfindet. Das ist kein Teenie-Emo-Klischee.

Für mich ist meine Depression einfach eine Krankheit. Es fängt immer damit an, dass man es im persönlichen Zusammenhang sieht. Deshalb holen sich viele Leute keine Hilfe, weil sie denken, es liegt an einem selber. Es dauert viel zu lange um zu sehen: Ok, ich bin krank. Das war nicht immer so. Früher habe ich die Gründe bei mir selbst gesucht. Ich bin ja nicht erst seit kurzem depressiv, sondern seit vielen vielen Jahren, aber in unterschiedlicher Härte. Früher konnte ich immer einen anderen Grund finden. In der Pubertät hab ich es auf die Hormone geschoben. Dann war es mal Liebeskummer. Im Oktober 2014 ging es mir immer schlechter. Ich hab angefangen nach Gründen zu suchen. Und zum ersten Mal keinen Grund gefunden. Die äußeren Umstände waren in Ordnung. Das hat mich von Tag zu Tag wahnsinniger gemacht. Meinen Freunden konnte ich nur sagen: Leute mir geht’s scheiße, aber ich weiß nicht wieso.

Nach drei Monaten absoluter Tiefphase lag ich eine Nacht lang wach und dachte, wenn es noch schlimmer wird, tue ich mir vielleicht was an. Zuerst hab ich es meinen Eltern erzählt. Das fiel mir schwer, weil ich nicht wollte, dass sie sich Sorgen machen. Es hilft mir überhaupt nichts, wenn es anderen Leuten wegen mir schlecht geht. Im Gegenteil, das macht alles nur noch schlimmer. Danach habe ich mich bei der psychologischen Beratungsstelle der Uni gemeldet. Mir wurde gesagt, dass es irgendeine Form der Depression sein muss. Und dass ich eine Therapie machen sollte. Die Beraterin hat mir sehr einfühlsam die verschiedenen Ansätze der Psychotherapie erklärt. Ich war froh, dass ich das nicht alleine aussuchen musste. Ich wollte gar nicht so viel selber recherchieren. Weil es im Netz auch viele Dinge gibt, die einen beunruhigen. Es hilft, wenn man eine Diagnose bekommt. Was aber nicht hilft, ist, sich ohne professionelle Hilfe selbst zu diagnostizieren. Weil man dann vom Schlimmsten ausgeht. Gut, bei mir ist dann auch wirklich das Schlimmste eingetreten. Wenn ich lese, dass bei meiner Form der Erkrankung die Suizidrate am höchsten ist, dann hilft mir das gar nicht.
Ich mache seit mehr als einem Jahr eine Verhaltenstherapie. Ich will lernen, damit umzugehen. Ein großes Thema ist Achtsamkeit: Ich lerne zu spüren, was ich brauche. Eineinhalb Jahre so gar nicht klarzukommen, hat für mich ziemlich viel kaputt gemacht: Alles ist zum Erliegen gekommen. Das Studium habe ich abgebrochen. Ich habe kaum was auf die Reihe gekriegt. Es tut gut, sich mit jemand Professionellem auf Augenhöhe zu unterhalten. Aber leider hat mir nichts davon konkret geholfen.

Das Einzige, was mir wirklich hilft, sind Medikamente. Ich hatte lange Angst davor, Tabletten zu schlucken. Ich habe es ausprobiert, weil ich keine andere Möglichkeit gesehen habe. Weil ich dachte, sonst tue ich mir was an. Bis der Termin beim Psychiater da war, habe ich die Tage runtergezählt. Es war das Einzige, was mich aus dem Bett gebracht hat. Ich dachte, das ist jetzt meine letzte Chance. Seit Februar nehme ich Tabletten. Dadurch sollen die depressiven Phasen gemildert und die Abstände zwischen den Phasen länger werden. Eigentlich müsste ich jetzt seit zweieinhalb Monaten in einer depressiven Phase sein. Aber mir geht’s okay.

Ich konnte mir nicht selber helfen. Erst seitdem die Tabletten wirken und die depressive Phase nicht wieder gekommen ist, kann ich mir eingestehen, dass ich wirklich krank bin: Mir helfen Medikamente – das heißt, ich bin krank. Seit ich das akzeptieren kann, fällt es mir viel leichter.

*Bei bipolaren Störungen wechseln sich manische und depressive Phasen ab. Im Gegensatz zu einer bipolaren Störung Typ I sind die manischen Phasen bei Typ II weniger stark ausgeprägt. Deshalb spricht man von hypomanischen Phasen.

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