„Die Konsequenzen der Depression waren für mich ein Gewinn“

Jan, 33, wünscht sich von seinem Umfeld Verständnis statt Bevormundung.

Redaktion

Was bedeuten deine Depressionen für dich?

Das ist eine Frage, die sich bei mir nur ganz schwer beantworten lässt. Für mich lässt sich meine Depression in zwei Arten einteilen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Erstens ist es die Hölle auf Erden, die mir sämtliche Energie und meinen Lebensmut raubt und mich spielend in die tiefsten Abgründe stößt. Zweitens ist es dann auch wieder nur eine völlig gesunde Reaktion meines Körpers oder meiner Psyche auf sehr ungesunde Lebensumstände, die sich so nicht weiter ertragen lassen.

Wie sehen diese tiefen Abgründe aus?

Was ich oben beschrieben habe, klingt sehr gewaltig und das ist es auch. Dieses Gewaltige kommt natürlich nicht mit einem Schlag aus dem Nichts heraus, sondern es baut sich über Monate oder Jahre langsam auf, um dann mit härtester Kraft zuzuschlagen. Dies hat so eine Intensität, dass jegliches Ankämpfen zum Scheitern verurteilt ist. Ich meine damit Kämpfen im Sinne von Ignorieren, einfach weiter machen – „es geht schon bald wieder weg“. Die Depression raubt mir sämtliche Energie. Bei meinem letzten Absturz, vor gut eineinhalb Jahren, bahnte sie sich wieder langsam an. Mir fehlte im Alltag die Kraft für alles. Es gelang mir nur noch, zur Arbeit zu gehen und weiter kaum etwas. Schon der Gang zum Supermarkt war häufig viel zu viel. Für Aktivitäten mit Freunden, Sport oder auch die Haushaltsführung war nach dem Arbeitstag oder an den Wochenenden nicht ein Funken Energie übrig. Ich rutschte immer mehr in einen Zustand des Dahinvegetierens hinein. Mein Schlafbedürfnis wurde immens, aber der Schlaf hatte nichts Erholsames oder Erfrischendes. Schon auf dem Weg morgens zum Job fühlte ich mich täglich völlig ausgelaugt. Da ich zuletzt eine sehr anspruchsvolle und fordernde Stelle hatte – ich war im Erzieherischen tätig – war dieser Gang auch etwas wie mein persönlicher Gang zur Schlachtbank. Ich wusste, dass ich den Anforderungen zur Zeit nicht gerecht werde. Trotzdem sah ich kein Entkommen aus dieser Situation und es hatte sich schon eine große Gleichgültigkeit über mich gelegt.

Andererseits ist in mir selbst ein sehr großer Anspruch, weiter zu funktionieren. Dies wurde mir in meiner Familie früher vorgelebt und bis heute hat sich da nicht viel geändert. Psychische Erkrankung ist eher ein Zeichen von Schwäche, im besten Falle nicht existent und falls doch, spricht man lieber nicht zu sehr darüber. Die verschwinden schon von alleine, wenn man einfach weiter macht. Diesem Glauben hing ich dann auch an.

Irgendwann kam dann aber der Punkt, wo ich nicht mehr zum Job konnte. Der Weg morgens aus der Tür war mir unmöglich und alleine die Vorstellung, zum Arbeitsplatz zu gehen, brachte mich nah an den Nervenzusammenbruch.

Es machte sich das Gefühl des Gescheitert-Seins in mir breit. Selbstvorwürfe, nahezu kompletter sozialer Rückzug, Schlaflosigkeit, sehr geringer oder sehr starker Appetit und irgendwann auch der Wunsch, nicht mehr weiter zu leben waren die Konsequenzen aus all dem. Dies ist die unglaubliche Macht, mit der meine Depression zuschlägt.

Wie kann man dem ganzen nun etwas positives abgewinnen?

Etwas das mir die Freude an allem und sogar die Lust am Leben nimmt, kann doch nichts Gutes in sich haben. Doch lebte ich vorher gesund und habe ich in irgendeiner Weise auf mich geachtet? Dieser Zusammenbruch kommt nicht von ungefähr. Die letzten Monate hatte ich mich selbst komplett verleugnet. Ich war in einem Job, der mich total überfordert hat. Ich habe es mir aber nicht eingestanden – und erst recht nicht meinem Umfeld. Mein Alltag bestand nur noch aus der frustrierenden Arbeit und ein Privatleben mit Hobbys und Freunden war nicht mehr existent. Ist so ein Leben gesund? Ich denke mal, jeder verneint dies. Nur mir war es nicht klar, als ich da mitten drin steckte. Jetzt im Nachhinein lässt sich dies leicht sagen. Aber ich war in dieser Situation gefangen und sah keinen Ausweg; außer darin, einfach weiter zu machen und mich mehr anzustrengen, in der Hoffnung, dass dann auf wundersame Weise alles besser wird. So gesehen war mein Zusammenbruch nicht mehr ein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern ein Schlag mit einem Baseballschläger mitten auf die Nase.

Die Zeit in der Klinik war lang, aber sie tat mir sehr gut. Erst da begriff ich meine ungesunden Lebensumstände. Ich ließ meinen Arbeitsvertrag auslaufen, ich knüpfte neue Freundschaften und ich lernte, mich von meiner Familie – die gerade im beruflichen einen immensen Druck ausübte – zu distanzieren und von deren Urteil unabhängig zu machen.

Aber das Wichtigste für mich war, dass ich lernte, mich zu öffnen und mir auch zu erlauben, schwach zu sein und mir Hilfe holen zu können. Sämtliche Gefühle, die ich heute als klare Frühwarnzeichen der Depression erkenne, habe ich in meinem bisherigen Leben heruntergeschluckt, ignoriert, für mich behalten oder mir selbst verleugnet. Dadurch ist klar, dass ich niemals auch nur im Ansatz mit jemand anderem darüber gesprochen habe. Und dies macht einsam.

Durch das Eingestehen meiner Schwäche und einen offeneren Umgang damit, habe ich inner- und außerhalb der Klinik ganz wunderbare Menschen kennengelernt. Auch alte Freundschaften konnte ich auf neue Art beleben. So hat die Erkrankung viel Positives für mein Privatleben hervorgebracht.

Mittlerweile bin ich in einer beruflichen Reha und erkunde, welcher Job zu mir passt und ob ich eine Umschulung machen muss. Natürlich wäre es schön, wenn ich einer geregelten Arbeit nachgehen würde und mir nicht solche Fragen stellen müsste. Aber schaden tut es mir keinesfalls, ganz im Gegenteil.

Ohne die Erkrankung hätte ich wohl niemals etwas an meinem Leben geändert, sondern einfach so weitergemacht. Ich möchte mir lieber nicht ausmalen, wohin das irgendwann geführt hätte. Vermutlich hätte ich heute nicht diese Zeilen schreiben können. So gesehen waren die Konsequenzen der Depression für mich ein großer Gewinn, auch wenn ich niemandem wünsche, so etwas selbst durchstehen zu müssen.

Was erhoffe ich mir von meinem Umfeld? Kann es mir überhaupt helfen?

Natürlich braucht man andere Menschen, um wieder aus der Finsternis rauszukommen. Alleine ist dies, meiner Meinung nach, nicht möglich. Und nur professionelle Hilfe von Therapeuten, Ärzten, Pflegern usw., meine ich damit nicht. Jeder Mensch braucht Freunde und/oder Familie, damit er oder sie sich wohlfühlt. Wir sind soziale Wesen und Einsamkeit ist eines der fürchterlichsten Gefühle, die ich kennenlernen „durfte“.
Eben schrieb ich schon, dass in den letzten Monaten einige sehr herzliche Menschen in mein Leben getreten sind und ich diese nicht mehr missen möchte. Gute Freunde, vor denen ich mich nicht verstellen muss, sind für mich das Wichtigste überhaupt geworden.

Diesen Luxus, also dieses Gefühl der Zugehörigkeit, habe ich über viele Jahre nicht mehr erleben dürfen. Das liegt nicht allein an der bösen und schlimmen Welt da draußen, sondern auch an mir.

In meiner Jugend wurde ich in der Schule immer wieder gemobbt, auch von vermeintlich guten Freunden zu der Zeit. Der Freundeskreis aus meiner alten Heimat wendete sich dann nach einem Schulwechsel fast vollständig von mir ab und ich musste mehr oder weniger gut alleine klarkommen. Dies war so prägend, dass es mir viele Jahre nicht mehr gelang, wirklich Freundschaften einzugehen. Sicher war ich selten wirklich alleine, aber ich habe vielen etwas vorgespielt: Ich habe immer wieder den größeren Abstand gesucht und konnte mich sehr selten wirklich offen zeigen. Erschwerend kommt hinzu, dass ich vom Naturell aus eher der „typisch Norddeutsche“ bin, also etwas ruhiger, zurückhaltender und manchmal auch schüchtern.
Von meiner Familie habe ich ja bereits berichtet. Ich würde das Verhältnis zu ihr über die ganze Zeit als ambivalent bezeichnen. Einerseits waren wir uns immer recht nah, konnten uns aufeinander verlassen und wirklich ernsten Streit gab es nie. Andererseits kamen von der Seite allerdings öfter die größten Verletzungen, die mich trafen. Seit ich im Jugendalter war, kamen immer wieder Vorwürfe. Die permanent schlechten Leistungen in der Schule lagen allein an meiner Faulheit und Ignoranz; dass ich gemobbt wurde, lag an meiner zurückhaltenden Art, ich hätte mich ja mal wehren können; dass ich Depressionen bekommen habe, liegt an den falschen Entscheidungen, die ich vor ein paar Jahren getroffen habe; dass ich in eine Klinik musste, liegt nur daran, dass ich nicht rechtzeitig genug zu einem Psychiater gegangen bin. Die Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen.

Diese Vorwürfe mögen sich banal bis lächerlich anhören, das ist mir klar. Aber ich habe sie nahezu mein ganzes Leben gehört. Wenn über viele Jahre immer in die gleiche Kerbe geschlagen wird, ist diese irgendwann sehr tief. Dementsprechend verletzbar bin ich bei solchen Punkten. Letztlich führte das dazu, dass ich mir an allem die Schuld selbst gebe, mich für einen Versager halte, mein Selbstvertrauen – vorsichtig gesagt – nicht sehr ausgeprägt ist und ich trotzdem versuche, es anderen ständig recht zu machen, um solchen Vorwürfen zu entgehen. Dies ist in einer Depression, in der man sowieso schon am Boden liegt und sich wie das letzte Elend fühlt, verheerend. Es verstärkt die Symptome um ein vielfaches und das Loch, in das man hinein stürzt, wird um ein vielfaches tiefer. Gerade da es aus meiner Familie kam, also von Menschen, die mir eigentlich sehr nahe stehen.

Was wünsche ich mir nun von anderen?

An allererster Stelle steht natürlich das Verständnis. Wenn ich jemanden bei mir habe, der mir interessiert zuhört, Verständnis für die Schwierigkeiten zeigt und  – am allerwichtigsten – nicht urteilt, bin ich schon sehr froh.

Ebenso wichtig ist es, die Krankheit nicht als Wettrennen zu verstehen. Öfter hörte ich die Frage in Bezug auf die Klinik oder Psychotherapie: „Und? Machst du schon Fortschritte?“ Mag sein, dass es wirklich interessiert gemeint ist. Nur es setzt mich ungemein unter Druck. In schlechten Phasen bin ich selbst unzufrieden mit meiner Situation und mache mir selbst genug Druck, da heraus zu kommen. Jeder Impuls von außen verstärkt das Ganze dann nochmal sehr. Ebenso gilt das natürlich für die Themen wie Arbeit. Es heißt nicht, dass ich nicht mit anderen darüber sprechen möchte. Aber kluge Ratschläge wie: „So langsam solltest du aber mal wieder anfangen zu arbeiten“, setzen mich ungemein unter Druck und lassen mich schnell wieder sehr schlecht fühlen.

Und allgemein ist es mir wichtig, nicht bevormundet zu werden. Depressionen haben nichts mit Intelligenz zu tun. Weil ich die Krankheit habe, bin ich nicht dümmer geworden und brauche keinen, der mir wichtige Entscheidungen abnimmt. Ich kann nach wie vor noch für mich selbst sorgen. Über Hilfestellungen bin ich meistens dankbar. Nur Bevormundung ist etwas ganz Fürchterliches.

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