„Das sind aber keine Bonbons“

Anonym, 27, helfen Antidepressiva, mit ihrer Depression besser klarzukommen.

Redaktion

Weil es mir seit Beginn meines Studiums zunehmend schlechter ging und ich nicht wusste, wohin, machte ich einen Termin in der psychologischen Beratungsstelle meiner Uni. Ich erklärte der Psychologin meine Angst vor dem Versagen und vor anderen Leuten. Meine Antriebslosigkeit, die ganztägige Müdigkeit, das Bedürfnis nach Selbstverletzung und meine Gefühllosigkeit. Wenn ich in den Spiegel schaute, sah ich eine abstoßende Fremde, die mich entgeistert anstarrte. Die Psychologin sagte: „Dann schminken Sie sich doch, wenn Sie sich hässlich finden.“ Ansonsten führte sie meine Probleme auf Prüfungsdruck zurück. Sie erkannte nicht, dass die Depression aus meiner Jugend zurückgekehrt war.

Zum Glück hörte ich nicht auf sie, sondern ging zu einem Neurologen. Nach einem Jahr erfolgloser Psychotherapie ging es mir schlechter als vorher. Therapeut und Neurologe waren sich einig, dass ich ohne Tabletten nicht aus dem Loch herauskommen würde. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal wieder einfach so lachen musste, als das Antidepressivum nach fünf oder sechs Wochen anschlug.

Inzwischen nehme ich eine Kombination aus verschiedenen Medikamenten. Ich habe sie in den letzten Jahren ein paar Mal abgesetzt und dann wieder angefangen. Jetzt gerade halten sie mich stabil und ich lebe so ganz gut. Inklusive und trotz aller Nebenwirkungen.

Mein Serotoninspiegel ist weniger als halb so hoch wie die Mindestmenge, die gesunde Leute haben. Vielleicht ist das der Grund für die Depression. Dagegen kann man auch andere Therapien versuchen. Ich will das auch und werde immer wieder probieren, ohne die Pillen zurechtzukommen. Aber jetzt gerade traue ich mir das nicht zu.

Immer, wenn ich zu einem neuen Arzt gehe, zum Beispiel nach meinem Umzug letztes Jahr, zähle ich auf, was ich so einschmeiße. Die Antwort darauf ist häufig: „Das sind aber keine Bonbons.“ Wahlweise auch: „Das sind ja nicht gerade Smarties.“ Dann kommt eine Frage, die fast witzig ist: „Wissen Sie, was Psychopharmaka für Nebenwirkungen haben können?“ Jedes Mal will ich sagen: „Ja, ich weiß das sicher besser als Sie.“ Als ob ich die zum Spaß nehmen würde.

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