„Irgendwann kam der totale Zusammenbruch“

Für Til Tigermaus (Pseudonym) führte die Depression zum sozialen Abstieg.

Redaktion

Die Depression hat mein gesamtes Leben verändert. Nach Phasen von absoluter Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit und Müdigkeit kamen Ängste und barbarische Gefühle der Einsamkeit. Solche Gefühle waren mir bis dahin vollkommen fremd. Ich habe eine andere Sicht auf die Dinge des Lebens bekommen.

Früher konnte ich mir nicht vorstellen, was Depressionen zu haben überhaupt bedeutet. Ehrlich gesagt war ich der Meinung, dass dies ein schwächelndes Frauenproblem ist, wo die Hormone einfach mal ein bisschen durchdrehen.

Schmerzlich musste ich mich eines besseren belehren lassen.

Heute – im Nachhinein – kann ich darüber reden und hatte auch mal die Zeit, über mich selbst nachzudenken.

Bei mir fing alles ganz langsam und schleichend an. Ich bin ein ehrgeiziger und harmoniebedürftiger Mensch und musste immer alles super perfekt abliefern. Mein Job war wohl, neben meiner Familie, zu meinem hauptsächlichen Lebensinhalt geworden. Die Anforderungen im Job stiegen massiv an und die Zeit für die Familie, Freundschaften und Freizeit wurde weniger. Irgendwann hatte ich auch keine Lust mehr, Freundschaften zu pflegen und kulturell unterwegs zu sein, mir wurde alles zu viel. Plötzlich merkte ich, dass ich auch im Job nicht mehr so richtig funktionierte und bekam von meinem damaligen Arzt ein paar Medikamente und siehe da, es ging wieder vorwärts.

Mein Sohn zog aus und meine Frau trennte sich von mir. Ich stürzte mich noch mehr in meinen Job und kam somit noch mehr in die Isolierung.

Es kam der Tag, an dem mein Vater verstarb. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Totaler Zusammenbruch, ein Gefühl, welches ich nie zuvor hatte.

Ich wurde damals, vor zwei Jahren, von einer sehr fürsorglichen Ärztin aufgefangen: Ich bekam viele Therapien und hatte Zeit, auch mal an mich zu denken. Mein Optimismus stieg wieder, ich fühlte mich wieder fit, um in einen neuen Job einzusteigen, lernte auch eine neue Liebe kennen und startete voller Elan neu durch.

Nach sechs Wochen übermannte mich dann der zweite Zusammenbruch. Das Ganze war noch viel schlimmer als beim ersten Mal. Ich verlor den neuen Job und zu guter letzt und extrem schmerzlich ging auch noch meine neue Partnerschaft zu Bruch.

Wieder folgten Therapien in Kliniken, viele Gespräche mit Ärzten und Therapeuten und zurzeit eine Reha.

Inzwischen sind zwei Jahre vergangen und wenn ich so zurückdenke, muss ich feststellen, dass sich mein Leben total verändert hat.

Ich bin noch sensibler geworden und habe zusätzlich viele Arten von Ängsten entwickelt, aber weiß auch langsam, wie ich damit umgehen kann und muss.

Ich habe kein Interesse mehr zu Kontakten mit Menschen, welche gehetzt und oberflächlich durchs Leben gehen. Mehr an mich selbst zu denken, ist mir wichtig geworden, nur das „nein“ sagen fällt noch schwer.

Ich muss jetzt Entscheidungen treffen, mein Krankengeld läuft aus und meine finanzielle Situation geht den Bach hinunter. Ich fühle mich noch nicht wieder fit genug, um voll in einen Job einzusteigen, möchte aber schon wieder am Arbeitsleben teilnehmen. Nur fühle ich mich den heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen.

Was bleibt, sind Gedanken an Umschulung und ein „Schaffe ich das überhaupt?“.

Ich habe Verlustängste, Versagensängste und Zukunftsängste. Der soziale Abstieg ist vorprogrammiert, da ich früher in leitender Position gut verdient hatte und jetzt eventuell in Sozialhilfe absacke. Dazu kommt die Einsamkeit, da ich mich zu Hause total eingeigelt, alle Freunde und Partnerschaften verloren habe und Probleme habe, unter Menschen zu gehen.

Ich weiß zwar, wo meine seelischen Probleme liegen und was ich dagegen tun sollte, aber es fällt mir sowas von schwer, all diese gefühlten 1000 Schritte umzusetzen.

Ich werde klein anfangen, versuchen mich schon an den kleinen Dingen zu erfreuen.

Probleme anderer nicht so nah an mich rankommen lassen und das Leben intensiver zu fühlen und zu genießen.

…aber die Ängste, die barbarischen und niederschmetternden Ängste und Gefühle der Einsamkeit, machen mir zu schaffen!
Es gibt noch so viel worüber ich schreiben könnte, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll…

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