„Zwiegespräch“

Mal ist die Depression wie eine weise Frau, mal wie ein Mantel aus Blei: Yvonne Schröder schreibt über die gegensätzlichen Facetten ihrer Krankheit.

Redaktion

Danke, liebe Depression!

Depression ist ein durch und durch negativer Begriff. Niemand will damit zu tun haben. Auch ich habe sie lange Zeit verflucht und bekämpft. Nichts ließ ich unversucht, um mich ihren Krallen zu entwinden und sie nicht gewinnen zu lassen. Je mehr ich sie von mir wegstieß, desto fester packte sie zu. C.G. Jung sagte: „Die Depression gleicht einer schwarzen Dame. Wenn sie dich besucht, biete ihr einen Tee an und höre, was sie dir zu sagen hat.“ Klingt verrückt. Diesem Miststück auch noch ein Heißgetränk anbieten? Und mir ihr Gejammer anhören? Nein, sie soll einfach gehen und mich weitermachen lassen wie bisher.

Aber genau das ist der Punkt. Weitermachen wie bisher funktioniert nicht mehr und hat mich in die Krise geführt. Eine Krise ist nichts anderes als ein Ankommen an einer Kreuzung. Der bisherige Weg endet hier. Eine Entscheidung ist fällig. Und an dieser Kreuzung wohnt die besagte Dame in Schwarz. Nicht sie besucht mich. Es ist umgekehrt. Ich bin erschöpft von meiner Reise, weil ich unterwegs viel erleiden musste. Ich bin verwirrt, weil es nicht weitergeht. Nebel ist aufgestiegen und lässt die möglichen Wege verschwimmen. Ich weiß noch nicht, wo ich lang gehen soll. Die Dame in Schwarz wartet eine Weile, bis sie merkt, dass ich nicht mehr kann. Also kommt sie aus ihrem Haus und bittet mich herein. Auf einen Tee. Und da sitzen wir nun.

Man kann sich seine Depression vorstellen, wie man will. Es gibt ein kleines Buch, in dem sie als schwarzer Hund dargestellt ist. Wie auch immer die Depression für den Einzelnen aussehen mag, es lohnt sich, ein Gespräch mit ihr zu führen. Das kann man sogar ganz bildhaft machen, indem man einen zweiten Stuhl vor sich hinstellt, die Depression in der gewünschten Gestalt darauf Platz nehmen lässt und sie anspricht – laut oder in Gedanken. Interessant wird es, wenn man sich auf den Stuhl der Depression setzt und ihre Rolle einnimmt. Das sollte man am besten unter Aufsicht eines Therapeuten machen. Es ist erstaunlich, was man dann so alles erzählt.

Ein inneres Zwiegespräch mit der schwarzen Dame tut es allerdings auch. Meine Depression ist eine weise Frau. Sie sagt mir folgendes: „Du warst nicht du selbst, hast dich verloren und nie dein eigenes Leben gelebt. Du warst zu sehr damit beschäftigt, fremde Erwartungen zu erfüllen und erlernte Glaubenssätze wirken zu lassen. Du hast nicht einmal gemerkt, wie unglücklich du mit deinem Beruf warst. Du hast zu viele Tränen nicht geweint. Du hast dich verleugnet und deine innere Stimme überhört. Du hast immer wieder Menschen zu nah kommen lassen, die nicht gut für dich waren. Du wurdest tief verletzt und bist einfach immer weiter gelaufen. Jetzt haben sich deine Wunden entzündet. Du glaubst, dich verirrt zu haben, aber das stimmt nicht. Ich habe dich gerufen, und du hast mich gefunden. Zuerst waschen wir deine Wunden aus und verbinden sie. Ja, ich weiß, das tut weh. Aber es wird besser. Der Schmerz wird dir helfen, die unterdrückten Tränen rauszulassen. Dann kannst du endlich wieder fließen. Dann sortieren wir aus, was zu dir gehört und was dir aufgedrängt wurde. Fremde Pakete schicken wir an die Absender zurück. Anschließend unterhalten wir uns mal mit der Kleinen in dir. Sie weiß am besten, was du brauchst und willst. Zwischendurch darfst du auch einfach mal sein. Wenn sich der Nebel lichtet, darfst du einen Weg ausprobieren, sofern du dich bereit fühlst. Kommst du wieder zurück, war es wohl noch zu früh. Dann schauen wir, was dir noch fehlt. Vielleicht haben wir eine Wunde übersehen. Oder du brauchst einfach wieder einen Tee. Das alles machen wir so lange, wie es nötig ist. Achte deine Grenzen, höre auf deine Intuition und orientiere dich nicht an den anderen. Es ist DEIN Leben und DEIN Weg. Keks?“

Das Leben ist natürlich ein Prozess. Ich warte oft noch darauf, irgendwann mal „anzukommen“, und dass dann alles gut ist und passt. So wird es wohl nicht sein. Aber ich bin mehr und mehr ich selbst. Meine Depression hat mich viel gelehrt. Über mich und das Leben. Und sie ist noch nicht ganz fertig mit mir. Ich kann nur sagen, dass ich mir heute wesentlich besser gefalle als vor der Krise. Dafür bin ich meiner Depression sehr dankbar!

Wie ein Mantel aus Blei

Ich trage einen Mantel aus Blei und Schuhe aus Beton. Mein Rücken schmerzt und krümmt sich unter der Last. Schultern und Nacken verspannen sich immer mehr. Jeder Schritt ist so unendlich mühsam, weil ich kaum die Füße heben kann.

Mein Kopf ist in einen Helm aus Watte gehüllt, auf dem ein Ziegelstein thront. Geräuschfetzen dringen undeutlich an mein Ohr. Informationen erreichen mein Gehirn fragmentiert, so dass ich sie nicht entschlüsseln kann. Gedanken fließen zäh durch die grauen Zellen und lassen sich nur widerwillig in sinnergebende Worte fassen. Ideen lösen sich vor ihrer Umsetzung im Nirvana meiner verbrauchten Speicherkapazität auf.

Ich versuche, das Beste aus all dem zu machen, und balanciere den niederdrückenden Ziegelstein auf meinem Kopf wie ein Supermodel ein Buch beim Lauftraining. Mein Gang wirkt steif und unecht. Hoffentlich merkt keiner was. Sie schauen schon wieder so komisch. Ich lächle und reiße Witze. Sie lachen. Gut so. Ich weine innerlich. Wäre ich doch zu Hause geblieben.

Ich bin erschöpft, des Lebens müde. Das war früher mal anders. Da erschien mir nicht alles so furchtbar schwer. Ich bin wütend auf meinen Bleimantel und die Betonschuhe. Ich komme mir dumm vor mit dem Wattehelm. Der Ziegelstein erschwert mir den Blick auf den Horizont. War das ein Silberstreif?