Schwimm mit dem Strom

Es ist das Alltägliche, das Patienten auf der Depressionsstation in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in München wieder lernen müssen.

VON CATHRIN SCHMIEGEL

Franz Maier lebt in drei verschiedenen Zeitzonen. Sein Alltag richtet sich nach deren Taktung. Da gibt es die Stunden nach acht Uhr, die nach zwölf Uhr und die nach 17 Uhr am Abend, wenn die Sonne in späten Frühlingsmonaten noch lange nicht untergehen wird. Maier darf sie selbst gestalten. Dreimal an jedem Tag aber macht der junge Mann dasselbe. Immer dann karrt ein Pfleger Essen in großen Töpfen auf die Station C1 in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in München und Maier isst. Es sind Fixpunkte für ihn. Sie bringen ein wenig Struktur in sein sonst unstetes Leben.

Warum Maiers Alltag draußen – weit weg von der Station C1 – chaotisch ist, soll nicht verraten werden. Auch nicht, wie Maier wirklich heißt und wie alt er ist. Die Ärzte der Psychiatrie verordnen strenge Regeln, fast alles unterliegt der Schweigepflicht. Die Patienten sollen sich hier sicher fühlen und aufgehoben. Nur so viel darf über Maiers Vergangenheit geschrieben werden, ohne dass jemand ihn erkennen könnte: „Strukturiert war mein Alltag nicht“, sagt er. Das kann ein Auslöser gewesen sein für seine Depression. Seit ein paar Wochen wird der junge Mann in der Psychiatrie behandelt. Die Zimmer der Klinik sind zum Schutzraum geworden. Für ihn und 26 andere stationär behandelte Menschen.

Die Zimmer sind schnörkellose Quader mit Krankenbetten

Das Frühstück ist gerade erst vorbei, draußen regnet es in Strömen. Kaum Tageslicht dringt auf den L-förmigen Flur der Depressionsstation. Der Boden ist mit trostlosem PVC ausgelegt, die Wände sind bunt von Postern berühmter Ölgemälde. Links und rechts gehen Patientenzimmer ab: schnörkellose Quader mit Krankenbetten und viel Stille. Aus dem Ärztezimmer an der Ecke dringt Gelächter. Auf einer Kreidetafel davor steht: „Der Hallensport fällt heute aus“, darunter: „Stationsgruppe um neun Uhr“. Die junge Psychologin Christina Schober wird sie betreuen.

Schobers blondes Haar leuchtet am hellsten in dem Gruppenraum, in dem etwa 20 Patienten sitzen. Die Mundwinkel tragen sie gerade, bei manchen berühren sie aber fast das Kinn. Zwei lächeln. Sie sind am längsten in der Klinik. Schober beginnt die eineinviertel Stunden wie gewöhnlich: mit einem „Stimmungsblitzlicht“. Wem es schlecht geht und wen das miese Wetter herunterzieht, der nennt eine eins. Wer fröhlich ist oder die richtige Medikation Antidepressiva hat, nennt eine zehn. An diesem Dienstagvormittag reicht die Skala bis acht. Eine Frau mit ordentlich gekämmtem Haar hat endlich einmal gut geschlafen.  „Das ist schön“, sagt Schober oder: „Bald soll das Wetter schöner werden, dann geht es Ihnen vielleicht besser.“

Schober leitet die Sitzung abwechselnd mit einer Kollegin. Dienstags und donnerstags hält sie Vorträge, die entfernt an Unterricht erinnern. Auf ein Flipchart hat Schober zwei Synapsen gezeichnet, dazwischen hat sie Punkte gemalt. Die roten sollen den Botenstoff Serotonin darstellen, die grünen Noradrenalin. „Bei einer Depression“, erklärt Schober, „ist der Austausch dieser Neurotransmitter oft gestört“. Erkrankte können dann kein Glücksgefühl mehr empfinden. Die Patienten im Raum kennen das sehr gut, stumm lauschen sie der Psychologin. Nur vereinzelt antworten sie auf Schobers Fragen. Dabei ist die Sitzung wesentlicher Teil ihrer Therapie. Die Menschen sollen so lernen, was eine Depression ist. Wie sie entsteht. Nur so, glauben die Ärzte, können sie die Krankheit vielleicht irgendwann bezwingen.

„Wenn du nicht wie alle anderen bist, hast du keine Chance“

Zwei Stunden später hat sich das Therapiezimmer wieder in einen Aufenthaltsraum verwandelt. In Regalen reihen sich abgegriffene Bücher aneinander: John Grisham. Stephen King. Brockhaus Lexika. Auf die Umschläge haben sich Staubkörner gelegt. Eine Tischplatte ist mit Memory-Karten bedeckt. Franz Maier hat einen Stapel gleicher Bildchen vor sich, seine blonden Haare streicht er in seinen Zopf zurück. Er spielt mit einem anderen Mann, der nicht wirklich Markus Matoid heißt und einen Bears-Pullover und seine braunen Haare kurz trägt. „Wenn du nicht wie alle anderen bist“, sagt Matoid zu Maier, „hast du keinen Platz in der heutigen Gesellschaft“. Er deckt zwei Kärtchen auf – ein Wal und ein Würfel – und schüttelt den Kopf. „Es heißt doch: Schwimm mit dem Strom. Sonst lässt du es lieber gleich.“

Matoid denkt viel nach. Zu viel eigentlich: über sein Leben im Speziellen und über den Sinn des Lebens generell. Depressiv sei er geworden, sagt er, weil er damit nicht mehr aufhören konnte. Seine Krankheit nennt er eine „existentielle Sache“. „Meine Gedanken terrorisieren mich“, sagt er. „Mit der Therapie hier möchte ich die Kontrolle über meine persönliche Hölle erlangen.“ Seit sechs Wochen ist Matoid auf der Station C1, es ist sein zweites Mal. Seit Jahren ist er krank. Einzeltherapien und Antidepressiva blieben bislang wirkungslos. „Ich jage mein Glück und finde es nicht.“ Dieses Mal soll ihm eine Ketamin-Therapie helfen. Die Arznei wird zur Betäubung von Tieren und Menschen eingesetzt. Auch Matoid betäuben sie. Mit der Infusion sind seine Gedanken endlich einmal still.

Die Uhr im Saal zeigt zwölf. Maier steht auf, streicht seinen blauen Cardigan glatt und räumt das Memory-Spiel in ein Regal, auf dem „Papier“ steht. Es ist Zeit fürs Mittagessen. Spätzle und Braten. Danach, weiß Maier, wird er in der Schreinerei von einem Ergotherapeuten erwartet.

„Die Patienten sollen ihr echtes Leben nicht aus den Augen verlieren“

Ulrich Palm, der Oberarzt der Station C1, sitzt in Bruna Sanaders Büro. Die Ärztin hat am Computer eine Tabelle geöffnet. Sie zeigt eine Liste mit allen Angeboten, die die Klinik hat: Musik- und Kunst, Ergo – und Sporttherapie etwa. Auch Achtsamkeitstraining steht darauf. Das soll den Patienten nach ihrer Entlassung helfen. Wenn der Alltag sie überfordert und sie sich auf nichts mehr richtig konzentrieren können. Fünf Minuten lang zum Beispiel üben Depressive dabei Gehen und sollen sich nur darauf konzentrieren. In manischen Phasen fällt das vielen schwer. „Wir möchten, dass die Patienten ihr echtes Leben nicht aus den Augen verlieren“, sagt Palm. „Mit den Angeboten motivieren wir die Menschen, ihren Alltag klar zu ordnen“, sagt Sanader. Es ist ein Kampf gegen die Antriebslosigkeit, die die Depression begleitet.
Die Angebote sind nur Puzzleteile einer ganzheitlichen Therapie. Sie gibt den Patienten Selbstbewusstsein und Sicherheit.  Zu wem welche Behandlung passt, entscheidet der Arzt individuell. In der ersten Woche durchläuft jeder depressiv Erkrankte eine Reihe von Tests: Elektrokardiogramme, Elektroenzephalographen, Blutbilder werden gemacht. „Wir möchten ausschließen, dass jemand vielleicht gar nicht depressiv ist“, sagt Sanader. Steht die Diagnose, erarbeiten die Ärzte einen geeigneten Plan für die Menschen, manche erhalten eine Psychotherapie. Nicht jedem kann die Klinik auf gleiche Weise helfen.

Die Tränen brennen ihr noch in den Augen

Was auf der Station mit ihnen passieren soll, dürfen die Patienten mitentscheiden. Jeder von ihnen ist freiwillig gekommen. Fast jeden Tag stößt jemand Neues hinzu. Diesmal ist es eine junge Frau. Mit ihrer rechten Hand hält sie ihre Handtasche umklammert, steht alleine auf dem Flur. Tränen brennen ihr noch in den Augen. Der junge Mann, der sie herbrachte, konnte nicht mehr länger bleiben.

Die Therapien für die Patienten sind im ganzen Haus verteilt. Die kleine Schreinerei der Ergotherapie ist einen Stock unter der Station C1. An der Wand hängt eine geschnitzte Maske, in der Werkbank sind die Kerben tief. Maier beugt sich über ein helles Stückchen Holz. Die langen Haare im Gesicht, die Stirn in Falten gelegt, höhlt er den Klotz an manchen Stellen aus. Aus ihm soll ein Herz entstehen. „Kein Kitschiges“, sagt er und lacht. „Ein Organ“. Nur die Venen machen ihm Probleme, vielleicht wird er doch etwas Abstraktes daraus fertigen. Ob eine seiner Schnitzereien gelingt, ist Maier nicht sehr wichtig. Dafür sei es etwas Anderes: dass er wieder ein wenig mehr Beständigkeit in seinem Leben hat. „Die Abläufe hier“, sagt er, „ und die Ordnung helfen mir“. Dennoch ist er noch nicht so weit, sie in sein echtes Leben zu übertragen. Maier hat noch keinen Termin, an dem er wieder nach Hause gehen wird.