Der Schatten auf meinem Leben

Ihre Mutter sei an Krebs gestorben. Das hat die Filmemacherin Britta Schoening lange Zeit erzählt. In Wahrheit aber trieb sie eine Depression in den Suizid als Schoening ein Jahr alt war. 30 Jahre später drehte sie den Film „Fragmente meiner Mutter“. Es ist die Geschichte einer Spurensuche

INTERVIEW VON CATHRIN SCHMIEGEL UND MICHAELA SCHWINN

 

Britta Schoening in den Armen ihrer Mutter.

Britta Schoening in den Armen Ihrer Mutter. Foto: Filmakademie Baden-Württemberg GmbH

DJS: Frau Schoening, war Ihre Mutter Egoistin?

Britta Schoening: Nein. Ich habe ihr wegen ihres Suizids auch nie Vorwürfe gemacht und denke sehr liebevoll an sie. In den Briefen, die sie an ihre Eltern schrieb, hat sie nie ein böses Wort über mich oder meine Schwester verloren. Wäre sie gesund gewesen, hätte sie sich nicht das Leben genommen. Die Schuldige ist die Krankheit.

Britta Schoening.

Britta Schoening. Foto: Filmakademie Baden-Württemberg GmbH

Wie sehr hat die Krankheit das Leben Ihrer Mutter beeinflusst?

Ihre Depression kam in Schüben. Sie hatte eine bipolare Störung, war also manisch-depressiv. In ihren schlimmsten Phasen überkamen sie Suizidgedanken. Vor fast 30 Jahren ist sie im Familienurlaub plötzlich verschwunden. Ihre Leiche wurde erst ein Jahr später in einem Waldstück entdeckt. Ich war eineinhalb Jahre alt.

Wieso haben Sie so viele Jahre damit gewartet, den Film zu drehen?

Ich wollte immer schon wissen, was mit meiner Mutter geschehen ist. Das Thema hat Jahre in mir geschlummert. Darüber zu reden, habe ich mich aber nicht getraut.

Warum?

Meine Familie hat den Tod meiner Mutter viele Jahre verschwiegen. Ich hatte das Gefühl, dass sie das Thema umschiffen wollten, aus Angst, öffentlich etwas Falsches zu sagen. Außerdem fürchtete ich mich vor dem, was ich herausfinden würde.

Haben Sie deswegen lange erzählt, dass Ihre Mutter an Krebs starb?

Ja, es war mir peinlich, dass meine Mutter sich das Leben genommen hatte. Immer, wenn ich Freunden davon erzählt habe, was passiert ist, waren sie schockiert. Mir war das unangenehm. Also habe ich mir den Krebs ausgedacht.

Ihr Vater hat selten von Ihrer Mutter und ihrem Suizid gesprochen. Wann hat er Ihnen davon erzählt?

Ich war elf, mein Wellensittich war gerade gestorben. Es war das erste Mal, dass ich mit dem Tod konfrontiert war. Also habe ich meinen Vater gefragt, wie meine Mutter ums Leben gekommen ist. Er hat mir ehrlich geantwortet. Dann ist er wortlos in sein Zimmer gegangen und hat die Tür hinter sich geschlossen. Ich blieb alleine mit diesem Wissen zurück.

Verstehen Sie die Reaktion Ihres Vaters?

Das ist schwer zu sagen. Ich stecke nicht in seiner Haut. Hätte ich aber selbst Kinder und wäre in dieser Situation, würde ich offen damit umgehen. Kinder spüren, wenn man ihnen nicht die Wahrheit sagt. Es ist wichtig, ehrlich darüber zu sprechen. Die Fantasie ist immer grausamer als die Wahrheit.

Gesellschaftlich ist das Thema bis heute ein Tabu. Wollen Sie mit „Fragmente meiner Mutter“ gezielt damit brechen?

Depression und Suizidgedanken werden bis heute mit Schwäche in Verbindung gebracht. Vor 30 Jahren, als meine Mutter sich das Leben nahm, war das noch viel extremer. Heute gehen die Menschen ein wenig offener mit dem Thema um. Nach der Premiere meines Films kamen viele Leute zu mir und haben mir ihre eigene Geschichte erzählt. Ich war überrascht, wie viele die Krankheit betrifft. Den Film wollte ich aber nicht nur für depressiv erkrankte Menschen machen oder für deren Angehörige. Er handelt auch von Familien, in denen nicht über gewisse Dinge gesprochen wird.

Was war die Produktion für Sie?

Sie war vor allem eine Suche nach der eigenen Identität. Eine Konfrontation mit meinem eigenen Schatten und mit meiner dunklen Seite, mit der ich mich nicht gerne auseinandersetze.

Was meinen Sie mit Schatten?

Verschiedenes. Auf der einen Seite wirft die Geschichte meiner Mutter, der Schrecken ihrer Krankheit und ihres Suizids, einen Schatten auf das Leben meiner Familie. Auf der anderen Seite spreche ich auch von mir selbst. Jeder Mensch ist manchmal schwach.

Noch einmal konkreter gefragt: Eine Depression ist eine teilweise vererbbare Krankheit. Leiden Sie an ihr?

Nein, ich bin nicht depressiv. Ich weiß natürlich, dass die Krankheit genetisch veranlagt ist. Trotzdem fühle ich mich nicht gefährdet. Ich bin so lebenslustig, habe so viel Stärke in mir, dass ich die emotionalen Täler überwinden kann, in die jeder einmal fällt.

Depression selbst thematisieren Sie in Ihrem Film nur nebenbei. Distanzieren Sie sich damit bewusst von ihr?

Nein, ich habe sogar ein langes Interview mit einem Psychiater geführt. Das hat mir sehr geholfen. Im Nachhinein habe ich mich aber dafür entschieden, es im Film nicht zu verwenden. Dieser informative Aspekt hätte nicht zum Stil meiner Dokumentation gepasst. Ich wollte eine sehr persönliche Geschichte erzählen, die meine Suche beschreibt.

Bei der Recherche haben Sie herausgefunden, dass Sie als Baby viel geschrien haben, was die Depression Ihrer Mutter damit verschlimmert haben könnte. Fühlen Sie sich schuldig?

Nein, nicht direkt. Ich war ein Kind. Und Kinder sind immer unschuldig. Diese Geschichte stammt von einer Zeugenaussage meines Vaters, die er nach dem Verschwinden meiner Mutter bei der Polizei gemacht hat. Ich glaube, dass ein Kind spürt, wenn es der Person schlecht geht, die einen ernährt. Es ist möglich, dass ich ihretwegen so viel geweint habe. Mit der Schuldfrage habe ich mich auf andere Weise beschäftigt.

Inwiefern?

Als ich die Aussage meines Vaters im Polizeibericht las, habe ich das erste Mal bemerkt, dass auch mich die Geschichte meiner Mutter direkt betrifft. Obwohl ich erst eineinhalb Jahre alt war. In diesem Moment habe ich mich entschieden, die Geschichte aus der radikalen Subjektiven zu erzählen.

Trotzdem wirkt der Film an manchen Stellen unpersönlich: Ihre Mutter nennen Sie bei Ihrem Vornamen …

Vielleicht liegt das daran, dass es diese typische Mama-Tochter-Beziehung nie gab. Als ich den Film drehte, war es, als würde ich eine vollkommen neue Person kennen lernen. Ich wollte sie deswegen nicht nur als meine Mutter darstellen, sondern auch als Menschen annehmen.

Hat der Film Ihre Mutter also wieder mehr in Ihr Leben gebracht?

Ja, definitiv. Nach Abschluss der Dokumentation war ich auch das erste Mal seit langer Zeit an ihrem Grab. Das war an ihrem Geburtstag und ich bin mit meinem Vater zum Friedhof gefahren. Zuletzt hatte er mich mitgenommen, als ich noch klein war. Es war ein sehr schöner Moment. Wir können heute offen über den Tod meiner Mutter sprechen.

Sie selbst haben Ihre Mutter nie wirklich kennen gelernt. Wenn Sie ihr eine letzte Frage stellen könnten: Welche wäre das?

Ich würde gerne mehr über die Zeit wissen, in der sie schon verschwunden war. Ich würde sie fragen, was sie gedacht hat und wo sie war. Mir ist aber bewusst, dass ich das nie erfahren werde.

Zum Trailer

Britta Schoening war eineinhalb Jahre alt, da ging ihre Mutter während eines Urlaubs in den Wald. Und kam nie wieder. Auf einer Lichtung brachte sich die junge Frau um. 28 Jahre später will Schoening endlich wissen, was geschah. Und warum. “Fragmente meiner Mutter” erzählt die persönliche Geschichte einer Spurensuche. Der Film gräbt nach dem Leben einer Mutter, nach ihrer Fröhlichkeit und ihrer Depression, die sie schließlich in den Tod trieb. Die Filmemacherin skizziert dabei den Charakter ihrer Mutter, die sie selbst nie wirklich kennen lernte.

Sehen Sie hier den Trailer von “Fragmente meiner Mutter”:

Infos: Englischer/Originaltitel: FRAGMENTS OF MY MOTHER. Kamera: Pierre Castillo Bernad. Ton: Denis Elmaci, Raffael Tönges. Schnitt: Janina Kaltenböck. Musik: Denis Elmaci. Produktion: Filmakademie Baden-Württemberg. Produzent: Britta Schoening und Julian Platon. Länge: 80 min. Vertrieb: Filmakademie Baden-Württemberg Verleih: Filmakademie Baden-Württemberg