Und raus bist du!

Der Job ist weg, die Kollegen lästern, die Verbeamtung wurde abgelehnt: Wie Depressive sich durch die Arbeitswelt kämpfen.

VON JANA ANZLINGER II MITARBEIT: LUKAS SCHÖNE, NADINE CIBU

Heidi Hechts Oberschenkel schmerzen. Die 71-Jährige hat gestern Gewichte gestemmt. Fast jeden Tag macht die Rentnerin Sport. Manchmal jobbt sie, momentan sammelt sie Geld für Flüchtlinge. Sie muss das Loch füllen, an dessen Stelle die Arbeit war. Heidi Hecht ist seit ihrer Jugend depressiv. Sie hat 49 Jahre lang als Sekretärin gearbeitet. 49 Jahre, in denen sie in die Rentenkasse eingezahlt hat, das ist ihr wichtig. Manchmal setzte sie sich morgens mit Suizidgedanken an den Schreibtisch. Der Chef, ein Zeitungsredakteur, gab ihr frei, wenn sie zur Therapie musste. Sonst überhäufte er sie genauso mit Aufträgen wie alle Kollegen – weil sie das wünschte. Sie wollte nicht als labil angesehen werden.

Hechts Geschichte zeigt, wie Kollegen und Chefs die Krankheit akzeptieren können: indem sie offen die Situation besprechen und den Betroffenen weder unter Druck setzen noch isolieren. Das ist jedoch eine Ausnahme in deutschen Büros.

Mindestens zehn Prozent der Arbeitnehmer erkranken im Laufe ihres Berufslebens an einer Depression. Laut dem Deutschen Bündnis gegen Depression sind psychische Erkrankungen die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit.

Obwohl depressive Berufstätige nicht allein sind, halten die meisten ihre Erkrankung geheim. Ulrich Hegerl wundert sich darüber nicht. Der Professor leitet die Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und sagt, dass Kollegen „die Schwere der Erkrankung“ nicht immer erkennen. Zwar dürfen Arbeitgeber niemandem kündigen, weil er an Depression erkrankt ist. Aber „im Stillen denken manche: Ich komme morgens auch schwer aus dem Bett, ich habe auch Probleme, der soll sich mal nicht so anstellen“, sagt Hegerl.

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Isoliert und hilflos – so fühlen sich viele Depressive. Mangelnde Akzeptanz am Arbeitsplatz verstärkt diese Gefühle. Foto: unsplash.com

„Eine veritable Gefahr, wenn man sich äußert“

Als Christian Weber* erkrankte, hat er seinem Chef gesagt, er sei spielsüchtig. Das war nicht ganz an der Wahrheit vorbei. Eigentlich war das Spielen, meint Weber, nur ein Symptom der Depression. „Auf die Spielsucht hat mein Chef normal reagiert“, sagt Weber. Allerdings dachte er: „Wenn ich das mit der Depression sage, ist der Ofen aus.“ Deswegen verschwieg der IT-Controller die Erkrankung an seinem Arbeitsplatz, einem Chemie-Konzern. Jahre später hat der 46-Jährige immer noch keinem Kollegen von seiner schweren Depression erzählt: „Bis heute trage ich in der Arbeit eine Maske. Die Kollegen meinen: Der Herr Weber ist ein Fels in der Brandung. Dem kann man alles geben.“

Der Psychiater Stephen Aita, Chefarzt der Schön Tagesklinik München, bekommt immer wieder von seinen Patienten zu hören, dass es mit der Akzeptanz von Depression am Arbeitsplatz nicht weit her ist. „Das ist eine veritable Gefahr, wenn man sich offen äußert. Man muss sehr genau einschätzen, inwieweit man seinen Arbeitgeber einbeziehen kann und was das dann für die weitere Karriere bedeutet“, sagt Aita. „Natürlich ist das eine Hypothek“, meint er und rät grundsätzlich davon ab, sich bei den Kollegen als depressiv zu outen.

Laut Hegerl tabuisieren Führungskräfte und Leistungssportler Krankheiten wie Depression am stärksten. „Im Hochleistungsbereich haben psychische Erkrankungen oft keinen Platz. Es dauert hier länger, bis die Betroffenen sich Hilfe suchen. Das ist sehr gefährlich“, warnt der Klinikleiter. In der Tat könne der Leistungsabfall in der akuten Krankheitsphase zu stark für eine verantwortliche Position sein. Doch nach einer erfolgreichen Therapie seien Betroffene wieder einsatzfähig.

Um die Akzeptanz in der Arbeitswelt hat sich Isabel García* schon vor dem Berufseinstieg gesorgt. Als die Depression sie im Lehramtsstudium heimsuchte, brauchte sie eine Therapie. Obwohl es drei Jahre her ist, erinnert sich García genau an das „bescheuerte Gefühl“, als sie online nach Informationen suchte. Sie landete in Internetforen, in denen sich Lehramtsstudenten gegenseitig verrückt machten: Wer eine Therapie gemacht hat, wird niemals verbeamtet, hieß es dort. „Man kann ja keinen offiziell fragen“, sagt García. Schließlich finanzierten ihre Eltern die Therapie. Über ein Jahr lang ging sie zur Psychologin, anfangs jede Woche, später nach Bedarf. Jede Sitzung kostete 80 Euro. Eine teure Entscheidung, die García nicht bereut. „Die Therapie hat mir sehr geholfen. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn meine Eltern das nicht bezahlt hätten.“

„Der grundgespannte Alltag lenkt mich ab“

Dass Lehramtsstudenten ihre Therapie selbst bezahlen, ist eher die Regel als die Ausnahme. Ein weiterer Kniff ist, den Psychotherapeuten eine andere Diagnose aufschreiben zu lassen. Wer in den Staatsdienst will, muss neben der fachlichen auch die gesundheitliche Eignung beweisen. Diese stellt ein Amtsarzt fest. Er muss prognostizieren, ob eine Dienstunfähigkeit eintreten könnte.

„Das Thema ‚Psychotherapie und Verbeamtung‘ wird unter Lehramtsstudenten seit langem diskutiert“, kommentiert Barbara-Luise Donhauser. Sie ist die Chefin der Münchner Amtsärzte, genauer: die Leiterin der Abteilung Ärztliche Gutachten im Referat für Gesundheit und Umwelt der Stadt München. Sie meint, es sei ein „Gerücht“, dass eine absolvierte Psychotherapie „ein absoluter Hinderungsgrund für eine Verbeamtung“ sei. Laut Donhauser kommt es auf den Einzelfall an. Die Amtsärzte gingen Therapiebefunde und Klinikberichte gründlich durch und lassen psychisch vorbelastete Bewerber durch den internen Psychiater begutachten.

„Lehrer versuchen immer, als perfekter Mensch dazustehen“, sagt Renate Sühner*. In ihrem Behindertenausweis steht: psychovegetatives Erschöpfungssyndrom, Depression, Migräne, atypische Schwindelneigung, Funktionsbehinderung der Wirbelsäule, Nervenreizung, Osteoporose. Und darüber: 50 Grad. Das bedeutet, dass Sühner als schwerbehindert gilt. Sie unterrichtet seit fast 20 Jahren an einem Gymnasium. Nächstes Jahr wird sie die Ferien mal wieder zur Reha nutzen. Gegen ihre Depression und deren psychosomatische Folgen. Sühner hat in der DDR studiert und nie versucht, das Examen nachzuholen und sich verbeamten zu lassen. „Ich bin froh, dass ich nicht in dem System bin. Dieser Einstufungszirkus würde mich sehr unter Druck setzen“, sagt die 58-Jährige.

„Während der Schulzeit lenkt mich dieser grundgespannte Alltag ab“, erzählt sie, „in den Ferien fällt das weg“. Sie hat sich angewöhnt, abends im Kalender zu notieren, wie sie ihre Freizeit verbracht hat. An Tagen, an denen sie sich selbst hasst, hilft der Blick auf die letzten Wochen. Weil diese Pfingstferien nicht für Reha draufgehen, kann sie am ersten warmen Samstag ihren Kalender füllen: Ganz spontan fährt sie mit einer Freundin an den See.

*Namen geändert