Was tun, wenn ein Angehöriger depressiv wird?

Wenn ein Familienmitglied an Depressionen erkrankt, sind viele Angehörige ratlos. Sie wollen Helfen, doch gutes Zureden reicht oft nicht. Ein Leitfaden.

ZUSAMMENGETRAGEN VON ALI VAHID ROODSARI

Woran kann ich erkennen, dass ein Angehöriger depressiv ist?

Hauptsymptome sind Antriebsverlust, Freudlosigkeit und gedrückte Stimmung. Betroffene haben keine Lust mehr auf Dinge, die sie früher gern gemacht haben und kapseln sich ab: Freunde und Bekannte sehen sie immer seltener. Dazu kommen Schlafstörungen, mangelndes Selbstwertgefühl, Konzentrationsstörungen, verminderter Appetit, Libidoverlust und verschiedene körperliche Symptome. Der Zustand dauert mehrere Wochen.

Was sollte ich dann tun?

Sie sollten mit dem Betroffenen sprechen. Sagen Sie, dass Sie Veränderungen an seiner Person bemerkt haben. Fragen Sie, ob Sie helfen können. Schlagen Sie beispielsweise einen Arztbesuch vor.

Sollte der Betroffene sofort zum Psychologen gehen?

Der erste Gang gilt für gewöhnlich dem Hausarzt. Er kann die Schwere der Depression bestimmen und entsprechende Schritte einleiten.

Sollte ich zu einem Arztbesuch drängen?

Falls der Angehörige über einen längeren Zeitraum uneinsichtig ist und sich der Zustand stetig verschlechtert, sollten Sie auf einen Arztbesuch bestehen. In dringenden Fällen drücken Sie dem Betroffenen den Hörer in die Hand und bitten ihn, einen Termin zu vereinbaren.

Sollte ich ohne Absprache einen Arzttermin vereinbaren?

Nein. Sie sollten immer mit offenen Karten spielen. Sprechen Sie an, dass Sie besorgt sind und eine ärztliche Beratung für sinnvoll halten.

Wie verhalte ich mich bei Suizidgefahr?

Wenn der Betroffene suizidales Verhalten zeigt oder über Suizid spricht, dann sollten Sie unverzüglich einen Arzt kontaktieren.

Was sollte ich auf keinen Fall machen?

Reden Sie die Krankheit auf keinen Fall klein. Vermeiden Sie Phrasen wie: „Stell dich nicht so an“ oder „Auch andere haben Probleme“. Nehmen Sie die Sorgen und Nöte Ihres Angehörigen ernst.

Ist Körperkontakt ratsam?

Das kommt auf den Patienten an. Manche haben nichts gegen Körperkontakt wie Umarmungen, anderen ist das unangenehm. Im besten Fall kann es dem Betroffenen zeigen, dass Sie ihn nicht allein lassen, sondern für ihn da sind.

Darf ich Emotionen wie Wut oder Trauer zeigen?

Emotionen dürfen Sie zeigen. Vermeiden Sie jedoch Schuldzuweisungen. Sätze wie „Die Krankheit kostet auch mich viel Kraft“ sind in Ordnung. Von Sprüchen wie: „Du hast Schuld an der Sache“ ist abzuraten. Der Betroffene macht sich selbst genug Gedanken über seine Krankheit. Machen Sie ihm klar, dass es anstrengend ist und er professionelle Unterstützung braucht.

Sollte ich dem Betroffenen Arbeit abnehmen? Wie beispielsweise im Haushalt, beim einkaufen oder putzen?

Der Betroffene sollte weiter seinen regulären Tätigkeiten nachgehen. Er braucht Struktur und Routine im Alltag. Wenn er keine Aufgabe mehr hat, wird sein Antrieb immer weniger. Die Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit werden immer weiter abnehmen. Auch in der Therapie ist es ein wesentliches Element, dass der Betroffene Alltagskompetenzen aufrecht erhält und weiterhin trainiert.

Mein Partner ist depressiv, das ist sehr anstrengend für mich. Was soll ich tun?

Die Nähe zum Partner macht die Situation oft schwierig. Sie bekommen alle Höhen und Tiefen der Depression mit und müssen sie aushalten. Arbeiten Sie stets darauf hin, dass der Betroffene sich professionelle Hilfe sucht. Auch hier gilt: Die Routine des Alltags muss bewahrt bleiben. Der Betroffene sollte seinen täglichen Verpflichtungen nachkommen.

Was kann ich für mich selbst tun?

Die Depression des Angehörigen kann sich auch auf die eigene Psyche auswirken. Tun Sie auch für sich etwas Gutes. Besuchen Sie zum Beispiel Selbsthilfegruppen für Angehörige. Dort können Sie sich mit anderen Menschen austauschen und über Probleme reden.

Was kann man als Angehöriger tun, um den Arzt und den Betroffenen zu unterstützen?

Suchen Sie bei einer Angehörigengruppe Rat. Dort lernen Sie, Frühwarnzeichen eines Rückfalls zu erkennen. Die Fähigkeiten und Ressourcen, die der Erkrankte hat, soll er trainieren und daran arbeiten.

Suchen Sie zudem das Gespräch zum behandelnden Arzt. Besprechen Sie mit ihm, was man als Rückfallprophylaxe tun kann. Fragen Sie, ob Sie einen Notfallplan erstellen oder Telefonlisten für den Ernstfall vorbereiten sollen.

Die psychotherapeutische und medikamentöse Weiterbehandlung sollte gesichert sein. Unter Umständen müssen Sie den Patienten dabei unterstützen, Termine auszumachen und wahrzunehmen.

Wie verhalte ich mich, wenn ein Kollege depressiv ist?

Sprechen Sie es an. Sagen Sie, dass Sie Veränderungen bemerkt haben, dass die Person nicht mehr so fröhlich ist wie früher und dass ihr die Arbeit schwer fällt. Auch wenn der Kollege mehr Fehler macht als sonst oder langsamer scheint, sollten Sie das ansprechen. Sagen Sie dem Betroffenen, dass Sie sich Sorgen machen und raten Sie ihm, zum Arzt zu gehen.

Ist eine Heilung zu Hause möglich?

Betroffene sollten zunächst einen Arzt aufsuchen. Er stellt den Schweregrad der Depression fest und leitet die nötigen Therapieschritte ein. So benötigen beispielsweise Menschen mit einer leichten Depression keine Medikamente. Betroffene mit einer schweren Depression müssen im Ernstfall stationär und mit Medikamenten behandelt werden.

Im Internet gibt es viele Selbsttests. Kann ich ihnen vertrauen?

Fragebögen und Selbsttests können allenfalls einen Hinweis geben. Nur ein Arzt kann eine korrekte Einschätzung vornehmen.

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