„Wo fängt eine Depression an?“

Depressionen sind nicht immer einfach zu erkennen. Frank Jacobi ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin. Ein Gespräch über Trauer, psychische Erkrankungen und Burnout.

INTERVIEW VON BIRTE BREDOW
Frank Jacobi Foto: privat

Trauer ist eine normale Reaktion, sagt Frank Jacobi. Foto: privat

Trauer ist eine natürliche Reaktion auf den Tod eines geliebten Menschen. Was sind Anzeichen dafür, dass sie sich in eine Depression verwandelt?

Das ist eine heiße Diskussion, die teilweise auch ein bisschen übertrieben geführt wurde in den letzten Jahren. Die diagnostischen Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) in den USA wurden 2013 geändert. Früher war ein Ausschlusskriterium enthalten, das besagte, dass bestimmte Symptome nur Zeichen für eine Depression sind, wenn sie nicht mit Trauer zusammenhängen. Das wurde in der neuen Fassung herausgenommen.

Bedeutet das, dass jeder Trauernde mit den entsprechenden Symptomen nach zwei Wochen als depressiv gilt?

Nein, das ist nicht der Fall. Das würden nur schlechte Ärzte sagen. Trauern ist an sich eine gesunde Reaktion. In Ausnahmefällen kann es sinnvoll sein, eine Depression zu diagnostizieren und professionelle Hilfe anzubieten – die Regel ist das aber keineswegs.

Gibt es trotzdem Merkmale, an denen man sich orientieren kann?

Wenn die Trauer so heftig ist, dass sie zum Beispiel mit starken Suizid-Tendenzen einhergeht, dann würde jeder vernünftige Arzt Hilfe anbieten. Außerdem ist die Beurteilung sehr abhängig davon, wie sehr sich die Person nach dem Verlust verändert hat. Dann gibt es auch noch die Frage nach der normalen Dauer. Ob diese etwa ein halbes oder ein ganzes Jahr andauert, kann nicht allgemein gesagt werden. Ich würde es nicht übermäßig auffällig finden, wenn jemand in diesem Zeitraum regelmäßig depressive Gefühle hat. Dass Trauer in Phasen verläuft und ein Betroffener zum Jahrestag eines Todes nochmal in eine starke depressive Stimmung verfällt, ist erst einmal ganz normal. Ein Problem wäre es nur, wenn ein Jahr lang jeden Tag eine hochdepressive Stimmung da wäre.

Depressionen und andere psychische Erkrankungen werden im allgemeinen Sprachgebrauch oft vermischt. Manchmal treten diese Probleme auch parallel auf. Woran erkennt man, dass nicht nur eine Erkrankung vorliegt?

Wichtig ist, dass die Fachleute bei der Diagnostik die gesamte Bandbreite der Symptome abfragen und beurteilen. Das heißt, dass man nicht nur nach dem aktuellen Behandlungsanlass fragt, sondern ein Gesamtbild erstellt. Es kann durchaus sein, dass eine betroffene Person die Kriterien für mehrere Diagnosen erfüllt. Für die Behandlung ist es unter Umständen sinnvoll, das Ganze in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen. Es kann sowohl sein, dass man unabhängig voneinander mehrere Erkrankungen hat oder aber auch, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt.

Ist es wahrscheinlich, dass solche Erkrankungen gemeinsam auftreten?

Es ist häufig, dass jemand nicht nur eine Diagnose hat, sondern gleich mehrere. In klinischen Untersuchungen wird man wahrscheinlich zwei bis zweieinhalb Diagnosen pro Patient finden. Störungen hängen oft zusammen, weil die eine der Bewältigungsversuch für die andere ist. Zum Beispiel, wenn Betroffene Alkohol oder Medikamente einsetzen, um eine Angststörung zu bekämpfen und dann abhängig werden. Depressionen treten häufig in Folge nicht bewältigter anderer psychischer Störungen auf.

Einige Experten sagen, dass bei Männern Depressionen oft mit aggressivem Verhalten einhergehen. Stimmt das?

Das ist nicht typisch. Natürlich gibt es viele unterschiedliche Formen von Depressionen, auch Gereiztheit kann auftreten. Es kann schon sein, dass sie bei manchen Betroffenen auftritt. Aber Aggressivität ist eigentlich kein typisches Symptom.

Burnout ist ein allgegenwärtiger Begriff in unserer Gesellschaft. Inwiefern unterscheidet er sich von einer Depression?

Erst mal muss man sagen, dass es kein Burnout als Diagnose gibt. Es wird in unterschiedlichen Varianten definiert. Die meisten Leute, die ein sogenanntes Burnout haben, erfüllen auch die Kriterien für eine Depression. In dem Moment könnte man diese auch diagnostizieren und behandeln. Burnout ist vielleicht eine Untergruppe der Depressionen, bei der die Erschöpfung durch eine Arbeitsüberlastung im Vordergrund steht.

Gibt es trotzdem Gründe, die für den Begriff Burnout sprechen?

Es ist ein schwammiger Begriff, der den Vorteil hat, dass manche Leute Burnout als psychisches Problem eher akzeptieren können als eine Depression. Es ist sozusagen die Eintrittskarte, um über das Thema überhaupt zu reden. Sonst ist er nicht unbedingt hilfreich.

Besonders weil es sich immer um die Arbeit dreht. Eigentlich wollen wir Diagnosen so definieren, dass wir sie möglichst genau beschreiben, aber keine Ursachen angeben, wenn diese nicht eindeutig klärbar sind. In dem Moment, wo man den Arbeitsplatzbezug aufnehmen würde, würde das eigentliche gesundheitliche Problem eine politische Dimension bekommen. Es könnte sein, dass dann bestimmte Versicherungen dafür zuständig erklärt werden oder den Arbeitgebern die Schuld gegeben wird.

Was halten Sie von Selbsttests für Depressionen im Internet?

Diagnosen kann man grundsätzlich nicht mit einem Fragebogen stellen. Wenn so ein Test einen hohen Wert ergibt, kann man noch nicht automatisch sagen, dass eine Depression vorliegt, sondern das sollte man schon noch mit einer Fachperson besprechen. Aber wenn man sich über sich selbst Sorgen macht, finde ich einen Selbsttest als ersten Schritt in Ordnung. Das Ergebnis sollte nur nicht überinterpretiert werden. Stimmungsschwankungen und negative Zustände gehören einfach zum Leben dazu.

Titelfoto: Elge Kenneweg /Felix Nussbaumer

 

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